Literaturecke

An dieser Stelle veröffentlichen wir Kurzrezensionen und Literaturtipps unserer Mitarbeiter_innen und Verbundenen:

Literaturecke„Hello World“ – Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern.

Hannah Fry

Fry, Hannah (2019). Hello world. Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern. München: C.H. Beck.

„Nur weil ein Computer etwas sagt, muss es noch lange nicht richtig sein“

Hannah Fry führt uns spannend und feinsinnig durch die Welt der Algorithmen

Die schwierigen und komplexen Dinge mit einfachen und verständlichen Worten auszudrücken ist eine Kunst, die nicht jedem Menschen geschenkt ist. Eine von Daten und Informationen geprägte, in Netzwerken und Plattformen agierende Welt macht es nötig, komplexe Zusammenhange verständlich und einfach zu verdeutlichen. Neue Begriffe prägen und verwirren die öffentliche Diskussion: Künstliche Intelligenz (KI), Deep Learning, Algorithmen, Big Data, IoT (Internet of Things), um nur einige zu nennen. Dem geneigten Betrachter, im Extremfall dem Betroffenen, wird es schwieriger und teilweise unmöglich gemacht, eine angemessene Einordnung von Chancen und Risiken der neuen Technologien und ihrer Möglichkeiten vorzunehmen. Die Frage, wie die atemberaubenden technologiegetriebenen Veränderungen unser Leben, uns selbst direkt oder indirekt beeinflussen, gilt es zu klären.

Der Begriff Algorithmus spielt als Dreh- und Angelpunkt für unsere technologieorientierte Welt eine zentrale Rolle. Was sich hinter dem Begriff aus mathematischer, informatischer Sicht verbirgt und wie eine Einordnung in eine gesellschaftliche Perspektive aussehen könnte, dafür leistet das Buch einen wertvollen, nachvollziehbaren und unterhaltenden Beitrag.

Hannah Fry (außerordentliche Professorin für Mathematik am University College London) versteht es, Geschichten von Menschen zu erzählen. Zusammenhänge, Begebenheiten und Situationen werden prägnant zusammengefügt und Einblicke in Hintergründiges gewährt. Am Anfang ihres Buches erzählt sie Eindrücke auf der Fahrt von New York nach Jones Beach auf Long Island. Auf dem Weg dorthin fährt man unter mehreren Brücken hindurch. Diese Brücken haben etwas Ungewöhnliches. An manchen Stellen beträgt die Durchfahrtshöhe nämlich nur 2,80 m. Der Grund für diese Tatsache liegt in der Person des Stadtplaners Robert Moses begründet. Er wollte, dass sein „vollendetes, preisgekröntes Naturschutzgebiet am Jones Beach weißen und wohlhabenden Amerikanern“ vorbehalten werden sollte. Da Menschen mit Privatautos dort anreisen mussten, die schwarze Bevölkerung in der Regel über keine verfügte, wurde diese durch die Art des Baus und der Konstruktion von vorherein ausgeschlossen. Diese „rassistischen Brücken“ stellen also Kontrolle und Machtausübung über Menschen dar. Die Autorin erläutert, dass der eigentliche Zweck bewusst oder unbewusst, manchmal durch einen Fehler oder durch eine gezielte Handlung, mit dem Ergebnis nichts mehr zu tun hat. Herrschafts- und Machtstrukturen zeigen sich darin, wie eine Konstruktion geplant und realisiert wird. Das ist in der Informatik in Form von Algorithmen nicht anders als in der Architektur und Stadtplanung. In der Formulierung der Anforderungen, in der Planung und in der Realisierung spiegelt sich das jeweilige Selbstverständnis einer Gesellschaft und die damit verbundenen Herrschaftsformen.

Mit Algorithmen kann man nicht nur nützliche Dinge tun. Menschen können mit der Hilfe von Algorithmen andere Menschen kontrollieren, sie in ihrer Freiheit und ihren Möglichkeiten einschränken. Ganze Gesellschaften können unter Kontrolle gebracht, Verhalten und Denken können reglementiert werden. Punktuell   macht das Buch auch diesen Aspekt bewusst. Neben populärwissenschaftlichen Erklärungen stehen Geschichten im Mittelpunkt. Umfassende tiefgründige naturwissenschaftliche oder gesellschafts-wissenschaftliche Theorie sucht man vergeblich. Das Narrative ist das entscheidende Instrument, um Zusammenhänge zu beleuchten und Position zu beziehen. Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft kommen mit ihren übergreifenden Argumenten zu Wort. Somit ergibt sich ein vielschichtiges Bild.

Wie ein roter Faden zieht sich der Appell der Autorin durch das Buch, dass der Mensch der entscheidende Faktor ist und zukünftig auch bleiben soll.  Menschen sind gefordert, sich ein Urteil zu einem Algorithmus zu bilden. Beziehungen zwischen Mensch und Maschine müssen verstanden, Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden.  Die Autorin schreibt in gewisser Weise ein philosophisches Buch. Die berührenden Geschichten von Menschen verknüpfen die Fragen, wer wir sind, wohin wir gehen, was uns wichtig ist, wie wir uns durch die Anwendung von Technologie verändern.

Aus Sicht von Hannah Fry ist mit der Konzeptionierung und Anwendung eines Algorithmus immer die Frage zu beantworten, in welcher Weise Nützlichkeit für die Gesellschaft erreicht wird. Andererseits muss reflektiert werden, was der Mensch verlernt, wenn Urteilen und Agieren an Algorithmen abgegeben werden. Besonders im Hinblick auf universelle Wahrnehmungen und die richtige Gefahrenabschätzung verfügt der Mensch über Fähigkeiten, die nur auf der Grundlage von Training und Erfahrung erlangt werden und nicht ohne Verluste an Maschinen delegiert werden können.

Neben der philosophischen Sicht auf die Dinge kann man das Buch passagenweise als Lehrbuch lesen, verstehen und begreifen. Die gelungene Mischung aus wissenschaftlich-verständnismäßigen Grundlagen und der Verdeutlichung an wahrhaftigen Geschichten gibt dem Buch eine Tiefe und Bedeutsamkeit für das Leben. In verständlicher Weise wird eine fachlich-technische Einordnung vorgenommen. Fry fast den Begriff Algorithmus als  eine Abfolge logischer Anweisungen, die von Anfang bis Ende zeigen, wie eine Aufgabe ausgeführt werden soll. Grundsätzlich gehe es immer noch um schrittweise Anweisungen. Diese Anweisungen seien jedoch fast immer mathematische Objekte. Dabei wird eine Folge mathematischer Operationen – mithilfe von Gleichungen, Arithmetik, Algebra, Analysis, Logik und Wahrscheinlichkeiten – in Computercode umgewandelt. Algorithmen werden mit Daten aus der realen Welt „gefüttert“. Nachdem sie ein Ziel gesetzt bekommen, werden Rechenschritte abgearbeitet, um das Ziel zu erreichen.  Auf der Grundlage dieses begrifflichen Verständnisses streift Fry im Verlaufe des Buchs Felder der Wissenschaft und Gesellschaft. Fragestellungen werden, im Zusammenhang mit bereits eingesetzten Algorithmen beleuchtet, kritische Aspekte diskutiert.

Eindringlich wird herausgearbeitet, dass der Mensch nicht zu gutgläubig und träge im Glauben sein sollte, er könne unreflektiert dem Algorithmus vertrauen. Die Anwendung von Algorithmen ist nur in bedingter Weise dazu in der Lage, menschliche Fehler und Schwächen zu eliminieren oder diese zu kompensieren.  Die Autorin zieht für die Argumentation konkrete Beispiele heran.

Manchmal bleiben nur wenige Momente, um die richtige Entscheidung zu treffen. So wie es Stanislaw Petrow erging, einem russischen Militär, der für die Überwachung des nuklearen Frühwarnsystems des sowjetischen Luftraums verantwortlich war. Er hatte am 26.09. 1983 Dienst als ein Alarm ausgelöst wurde und das System meinte, eine feindliche Rakete beim Eindringen in den Luftraum entdeckt zu haben. Petrov zögerte zu reagieren, er war sich nicht sicher, ob er dem Algorithmus vertrauen konnte und er hatte mit seinem Zögern recht. Der Algorithmus hat einen Fehler gemacht. Der Mensch wird auch zukünftig in bestimmten Entscheidungssituationen gebraucht werden. Hanna Fry schreib dazu, dass „Menschen spüren, wie schwerwiegend ihre Entscheidungen sind. Ein Algorithmus hätte keine Sekunde über die möglichen Folgen seiner Entscheidung nachgedacht, wenn es seine Aufgabe gewesen wäre, den Kreml zu benachrichtigen.“.

In Entscheidungssituationen müssen entweder Mensch oder Maschine die Führung übernehmen. Die Mathematikerin erkennt eine „menschliche Tendenz, alles in Schwarz und Weiß einzuteilen – also Algorithmen entweder als allmächtige Herren oder nutzlosen Müll zu betrachten“. In dieser Tendenz sieht sie im Hightech-Zeitalter ein „erhebliches Problem“.  Die Wissenschaftlerin stellt Forderungen, wie sich der Mensch zukünftig verhalten und einrichten sollte. Nach ihrer Meinung müssen Menschen objektiver werden, die eigenen Schwächen anerkennen. Algorithmen sollten vom Podest geholt und hinterfragt werden, ob sie wirklich das leisten können, was sie versprechen.

So gut und richtig diese Forderungen erscheinen, so naiv sind sie auch. Die Frage, wie die demokratische Einflussnahme auf Inhalte sowie Funktionsweise von Algorithmen erfolgen solle und welche Möglichkeiten der Einzelne hat, seine berechtigten Interessen mit einer realen Aussicht auf Erfolg einzufordern, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Kritische Aspekte einer von Algorithmen bestimmten Welt lässt die Autorin andererseits nicht unerwähnt und meint: „Jedes Mal, wenn wir einen Algorithmus verwenden – vor allem einen kostenlosen – müssen wir uns fragen, welche Motive dahinterstecken. Warum gibt mir diese App all das kostenlos? Was macht dieser Algorithmus tatsächlich? Fühle ich mich bei diesem Deal wohl? Ginge es mir ohne ihn besser? , …. , Daten und Algorithmen können nicht nur unsere Einkaufsgewohnheiten vorhersagen. Sie können auch Menschen die Freiheit nehmen.“.

Auch Richter sind nicht allwissend und können Korrektive vertragen

Die Justiz ist in der Praxis keine exakte Wissenschaft. Eine wirkliche Gleichbehandlung ist eine Idealvorstellung, die in der Realität nicht realisierbar ist. Als Beweis zitiert die Autorin Studien, in welchen herausgefunden wurde, dass Richter bei Ihrer Urteilsfindung mit einer vorgegebenen Ermessensfreiheit zu sehr abweichenden Urteilen kommen. Selbst bei Sachverhalten, die ihnen zweimal versteckt vorgelegt wurden, kommen sie zu unterschiedlichen Urteilen. Vor diesem Hintergrund meint Fry, dass Richter nicht durch Algorithmen ersetzt werden können. Richter besitzen die Fähigkeit, eine Person im Hinblick auf ihre Straftat zu erfassen. Eine Einschätzung ob eine Person reumütig, einsichtig und veränderungsfähig ist, kann keine Maschine treffen. Ein Algorithmus kann jedoch das Risiko abschätzen und mathematisch berechnen, ob ein Angeklagter wieder straffällig wird oder nicht. Bereits heute werden Algorithmen zu diesem Zweck verwendet. Dabei wird bei Entscheidungen über Bewährungen mit passenden Interventionsprogrammen unterstützt und auf dieser Grundlage entschieden, wer auf Kaution entlassen wird. Empfehlungen über das Strafmaß können auf der Grundlage von Algorithmen ausgesprochen werden. Fry ordnet jeweils die heutigen Entwicklungen in die historische Perspektive der Justiz ein.

Studien besagen, dass Vorurteile, welche in der Gesellschaft verfestigt sind (z. B. das Schwarze mehr Verbrechen begehen als übrige Bevölkerungsgruppen, dass Leute aus ärmeren Bevölkerungsschichten eher zu verdächtigen sind als andere) in Algorithmen unkritisch übertragen werden. Was ist der Grund dafür? Algorithmen beruhen teilweise auf Statistiken, in welche bestehende Ungleichheiten der Gesellschaft im Denken und im Sein unreflektiert eingeflossen sind. Was dagegen zu tun wäre, wie dieser gesellschaftspolitische Mangel behoben werden könnte, wird nicht thematisiert.

Der Unterstützung von Richtern durch Algorithmen kann Fry etwas Positives abgewinnen. Die Begründung liegt in der oft fehlerhaften Wahrnehmung von Richtern. Warum ist das so? Wir Menschen neigen dazu, unsere Realität als relativ wahrzunehmen. Wir zerlegen nicht einzelne Fakten und fügen diese anschließend für die Urteilsfindung akribisch wieder zusammen (Webersche Gesetz). Zumindest ein gut konzipierter und angemessen regulierter Algorithmus kann nach ihrer Meinung dazu beitragen, Verzerrungen und Zufallsfehler zu verhindern.

Daten und wiederkehrende Muster als Grundlage für die Wahl der richtigen Behandlungsmethode

Die Geschichte der modernen Medizin basiert auf der Erkennung von Mustern in Daten und Erscheinungsbilder von Krankheiten. Mit dem Beginn der modernen Medizin von Hippokrates, mit einem Blick auf die chinesische Medizin (die Erkenntnis, dass man gegen Pocken impfen kann, wurde übrigens bereits im 15. Jh. gemacht) vertieft sie das Verständnis der modernen Medizin bis in unsere Gegenwart.  Fry zeigt, dass es bei der Entscheidung über ein bestimmtes medizinisches Vorgehen darauf ankommt, Muster zu erkennen, zu klassifizieren und Prognosen abzuleiten. So ist dem Menschen die Fähigkeit eigen, bei der Erkennung von Tumoren sehr genau sein zu können (Pathologen haben eine beindruckende Treffsicherheit von ca. 96 Prozent lt. Studie CAMELYON 16-Wettbewerb). Bei kleineren Krebszellen sieht es jedoch mit einer Genauigkeit von 76 Prozent schon anders aus. Im Zusammenhang mit der Genauigkeit von Menschen bleibt ein Versuch von Harvard-Forschern nach der Lektüre des Buches besonders in Erinnerung. Diese hatten das Bild eines Gorillas in einer Reihe von Brust-Scans versteckt und baten 24 Radiologen die Bilder auf Anzeichen von Krebs zu untersuchen. Das ernüchternde Fazit: 83 Prozent der Radiologen bemerkten den Gorilla nicht. Nach der Aussage der Autorin haben die Algorithmen das gegenteilige Problem. Sie finden kranke Zellen, selbst wenn diese Zellen gesund sind. In der Praxis funktioniert es als sinnvolles Zusammenspiel. Der Algorithmus übernimmt die Vorauswahl und der Pathologe die „menschliche Prüfung“. Mit diesem Vorgehen werden Ergebnisse von bis zu 99,5 Prozent erreicht. Diese Präzision ist wirklich erstaunlich!

Die Prognosefähigkeit bei der Erkennung von potenziellen Erkrankungen wird in der Medizin zukünftig eine wesentliche Rolle spielen.  In der Diagnostik gehe es darum, mögliche Fehlbehandlungen im Vorhinein zu erkennen und damit zu vermeiden. In der Vergangenheit und Gegenwart von Menschen könne man auf der Grundlage von Algorithmen kleine Hinweise finden, wie sich die Gesundheit zukünftig entwickeln werde.

Die Autorin weist in ihrem detailreichen Buch immer wieder auch auf eigentlich Naheliegendes hin. Einleuchtende Fakten werden bei der Euphorie über die neuen technologischen Möglichkeiten zu schnell außer Acht gelassen. So werden nach Aussage des Computerpathologen Thomas Fuchs immer noch unzählige medizinische Experten in Spezialbereichen benötigt, die jahrzehntelang ausgebildet wurden, um Informationen, die der Computer bekommt, richtig zu kennzeichnen. Erst mit diesen korrekt gekennzeichneten Daten kann die Informatik dazu in der Lage sein, eine zielgerichtete Verarbeitung vorzunehmen.

Grundrechte und Auswirkungen des Datenschutzes werden als wesentliche Aspekte für die Nützlichkeit von Algorithmen diskutiert. Die entscheidenden Informationen in den falschen Händen können zu Benachteiligungen und Diskriminierungen führen. So werden in Großbritannien in einigen NHS Krankenhäusern bereits Nichtraucher bei Knie – und Hüftoperationen gegenüber Rauchern bevorzugt. Diese Tatsache stuft die Autorin als bedenklich ein und sieht das Risiko , dass „wenn wir unsere Daten aufgeben, …,  wir immer Gefahr laufen, das unsere Daten manipuliert, gestohlen oder gegen uns verwendet werden.“.

Die Konsequenzen der „Durchleuchtung des Menschen“ werden auch am Beispiel von kommerziellen Gentests besonders gravierend deutlich. Die Firma 23andMe verkauft diese Tests zu kommerziellen Zwecken und verfügt am Ende eines solchen Tests über hoch brisante Informationen von Menschen, die Auswirkungen auf die Arbeitsplatzsuche, die Beschaffung von Krediten oder die Genehmigung von Versicherungen haben können. Die Aussage von Hanna Fry, man solle bedenken, wenn man eine Probe für einen kommerziellen Gentest einschickt: „Man benutzt das Produkt nicht, sondern ist selbst das Produkt.“, weist mit aller Deutlichkeit auf die Gefahr für die Einschränkung der persönlichen Freiheit hin.

Im Gesundheitssystem meint Fry, dass es keine Verteidigung und keine Anklage gibt. Dort wollen alle dasselbe – dass es den einzelnen Patienten bessergeht. Man möchte der Autorin glauben. Gerade jüngste Beispiele einer seit Jahrzehnten laufenden Opiad-Krise in den USA, an welcher Pharmakonzerne eine große Mitschuld tragen und sogar daran verdient haben, belehren uns eines Besseren. Es ließen sich besonders in diesem Sektor viele weitere Beispiele der vergangenen Jahre finden, dass nicht jeder Konzern es „gleich gut“ mit den Menschen meint.

 

Wie autonom können Autos wirklich sein?

Gegenwärtig viel diskutiert sind Fragen der zukünftigen Mobilität. Die Möglichkeiten der Anwendung von Algorithmen machen intelligente Assistenzsysteme bis hin zu autonom agierenden Fahrzeugen möglich. Welche Rolle spielen bei der Realisierung der Vision vom „Autonomen Fahren“ Algorithmen und die Erfahrungen von Menschen mit sich ändernden Situationen umzugehen? Fry kritisiert das in der öffentlichen Diskussion vermittelte Bild vom autonomen Fahren. Besonderer Kritikpunkt ist die Vorstellung, dass alles so bleiben könne wie bisher, nur die Fahrzeuge zukünftig autonom sind. Sie teilt den Standpunkt des Soziologen Jack Stiloge vom University College London, der Menschen als „Störfaktoren“ in einem autonomen System betrachtet. Menschen sind aktiv Handelnde und nicht „passive Bestandteile der Landschaft“. Stiloge hält die Vorstellung für dumm, dass alles so bleiben kann wie bisher, nur zukünftig die Autos autonom und intelligent seien. Er kommt zu dem Schluss und Fry folgt ihm: „Was wie ein autonomes System aussieht, ist in Wahrheit nur ein System, bei dem die Welt eingeschränkt wird, damit es autonom wirkt.“. Bedenkenswert und angsteinflößend. Die Vision vom „autonomen Fahren“ suggeriert uns doch eine Menge an Vorteilen.  Stimmt da vielleicht etwas nicht? Liegen bereits in den Grundlagen der öffentlich vermittelten Vorstellung gravierende Denkfehler vor? Läuft die Gesellschaft Gefahr, dem Trugschluss zu erliegen, dass sich die Technologie an den Menschen anpasst und nicht der Mensch an die Technologie?  In diesem Falle besteht das Risiko, dass menschliche Fähigkeiten verkümmern.

Hanna Fry fordert zur Klarheit auf, worin Menschen wirklich gut sind. Was die entscheidenden Argumente für den Einsatz von Menschen in Schlüsselfunktionen sind, müsse definiert werden. „Menschen, … sind…, wirklich gut darin, Feinheiten zu verstehen, Zusammenhänge zu analysieren, Erfahrungen anzuwenden und Muster zu erkennen.“, meint sie. Andererseits muss kritisch diskutiert werden, wo Menschen Defizite haben. So z. B. wenn es auf lang andauernde Aufmerksamkeit, Präzision oder Beständigkeit ankommt, sowie wenn es darum geht, die jeweilige Umgebung vollständig zu erfassen.

Fry bezieht Position und meint, dass wir kein vollständiges autonomes Fahren benötigen. Was wir brauchen sind zukünftig weniger „Chauffeure und mehr Schutzengel“. Mit anderen Worten ausgedrückt: die einzusetzenden Systeme sollten mehr unterstützenden und korrigierenden Charakter als vermeintlich „autonomen“ Charakter besitzen. Ihre These lautet, dass: die Leistungsfähigkeit von Algorithmen überschätzt wird. Realistische Erwartungen seien gefragt.

Statistik als Grundlage für die Verhinderung von Verbrechen

Algorithmen können für die Lösung von Kriminalfällen bzw. die proaktive Verhinderung von entscheidender Bedeutung sein. Ein Algorithmus kann schneller zum Ziel führen, als herkömmliche Methoden. Der Ex-Polizist Kim Rossomo erkannte die Möglichkeit, einen Algorithmus aus der Geografie der Verbrechen zu entwickeln und damit auf die Täter zu schließen. Im Ergebnis kam er zu der bewiesenen Schlussfolgerung, dass die Suche nach dem Täter mit Hilfe eines Algorithmus nur bei drei Prozent der potenziell in Frage kommenden Personen durch die Polizei hätte durchgeführt werden müssen. Diese Methode wird als Geoprofiling bezeichnet. Die Anwendung ist am erfolgversprechendsten bei Straftaten wie Serienvergewaltigungen, Morden, gewalttätigen Angriffen. Straftaten konzentrierten sich in der Regel auf wenige Lokationen, können sich jedoch auch schnell wieder an andere Orte verlagern. Im Rahmen der Weiterentwicklung des Geoprofiling wurden folgende Fragen gestellt: Gibt es andere Muster, die nicht nur verrieten, wo Verbrechen stattfanden, sondern auch wann? Gibt es eine Möglichkeit, über die bereits geschehenen Verbrechen hinauszublicken? Konnte man Straftaten auch vorhersagen, statt nur auf sie zu reagieren?

Erstaunlich genaue Vorhersagen waren in Los Angeles und in Großbritannien möglich. Es konnten Vorhersagen gemacht werden, wo in Zukunft welche Art von Verbrechen passieren können (die benutze Sofware heißt PredPol). Kritisch zu hinterfragen ist, dass die Software als geistiges Eigentum betrachtet wird und somit geschützt ist. Es ist also von außen her nicht zu verhindern, dass wissentlich oder unwissentlich bestimmte Gruppen von Menschen benachteiligt werden könnten.

Die Autorin bezieht Position und meint, dass prädiktive Polizei-Algorithmen in der Tat vielversprechend im Kampf bei der Verhinderung und Aufklärung von Kriminalität sind. Bedenken bezüglich Voreingenommenheit und Diskriminierung sind jedoch legitim. Fry hält fest, dass diese Fragen zu fundamental für eine gerechte Gesellschaft sind, als dass wir uns einfach auf die Zusicherung verlassen sollten, die Strafverfolgungsbehörden würden die Algorithmen schon auf faire Weise nutzen. Das ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie wichtig unabhängige Experten und eine Regulierungsbehörde sind, die dafür sorgen, dass die Vorteile eines Algorithmus seine Nachteile überwiegen. Aus ihrer Sicht können, Algorithmen über die Prognose hinaus jedoch auch Schaden anrichten. Es besteht die reale Gefahr, dass Algorithmen einem falschen Ergebnis den Anschein von Autorität verleihen und damit zu einem Maßstab erhoben werden, der ihnen nicht zusteht.

Ein weiteres Beispiel, was die aktuelle Leistungsfähigkeit von Computern in Frage stellt, kann man im Feld der Gesichtserkennung identifizieren. Fry zitiert einen extremen Fall von Steve Talley, der für den Falschen gehalten, eines Verbrechens beschuldigt wurde und den Einsatz eines Sonderkommandos nur mit erheblichen Verletzungen überstand. All das nur, weil das Gesichtserkennungsverfahren ihn für den Täter gehalten hat.

Fry führt aus, dass die computergestützte Gesichtserkennung beim Vergleich zweier Bilder derselben Person selbst genaueste Messungen nicht erfassen könne. Wichtige Kriterien für die Gesichtserkennung sind die Alterung, Krankheit, Müdigkeit, Mimik oder Verzerrungen aufgrund des Kamerawinkels. Messungen allein können ein Gesicht nicht von einem anderen unterschieden.

Viele Fragestellungen, die von Frey aufgegriffen werden, betreffen unser tägliches Leben und können sogar von Fall zu Fall schicksalhaft sein. Bestehende Grenzen des technisch Machbaren sollten erkannt und von der Gesellschaft offen thematisiert werden. Diese Leistung hat jedoch einen Preis: Es ist nicht immer genau klar, wie der Algorithmus entscheidet und wie er zu dem Ergebnis gelangt, dass ein Gesicht einem anderen gleicht oder sich ähnelt.

Das aktuell beste Produkt für die Gesichtserkennung wird von Fry mit dem chinesischen Produkt „Tencent YouTu Lab“, mit einer Erkennungsquote von 82,29 Prozent benannt. Statistisch heißt das: wenn in einer digitalen Zusammenschau von Millionen Menschen nach einem bestimmten Straftäter suchen, bedeutet diese Zahl, dass Sie im besten Fall bei jedem sechsten Treffer den falschen Verdächtigen finden würde. Beide Fakten sind eher angsteinflößend als beruhigend.

Aus Sicht von Fry gehe es um „einen Kompromiss“ zwischen Datenschutz und dem Schutz vor Verbrechen, Fairness und Sicherheit. Wie viele Menschen dürften man verwechseln/unschuldig belangen, um wirkliche Straftäter dingfest zu machen? Eine angeführte Statistik der New Yorker Polizei von 2015 besagt, dass 1700 Verdächtige in jedem Jahr erfolgreich identifiziert werden, was zu 900 Verhaftungen führt. Fünf Personen wurden in diesem Zeitraum falsch identifiziert. Es bleibt die Frage, ob es sich um akzeptables Verhältnis handelt? Wie hoch wird der Preis sein, den wir zahlen müssen, um Kriminalität wirksam zu bekämpfen? Diese eindringliche Frage kann Fry nur stellen und nicht beantworten. Jede neu entwickelte Software „verspricht“ Lösungen für drängende Probleme. Oft wird jedoch vergessen oder sogar verdrängt, dass mit der Einführung auch neue Probleme geschaffen werden. Ihr Appell heißt deshalb: „Algorithmen müssen nirgendwo dringender und eindeutiger reguliert werden als im Zusammenhang mit Straftaten, wo allein die Existenz dieser Systeme ernste Fragen aufwirft.“. Aus ihrer Sicht muss sich die Gesellschaft entscheiden, was im Zusammenhang mit der Kriminalität als Erfolg zählt? Wo liegen die wesentlichen Ziele und Interessen? Soll die Kriminalitätsrate möglichst so niedrig wie möglich gehalten werden? Oder soll die Freiheit der Unschuldigen Priorität haben und besonders geschützt werden? Wie soll gewichtet werden?

Emotionalität in der Kunst kann nicht ersetzt werden

Abschließend widmet sich die Autorin dem Betrachtungsfeld der Kunst im Lichte von Algorithmen und deren Anwendung. Um es zusammenzufassen, dieses Kapitel erscheint nicht so tiefgründig und mit so drängenden sozialen Fragen verbunden, wie die vorhergehenden. Die Schlussfolgerung von Hollywood-Produzenten, dass man keine Prognosen für den Erfolg eines Filmes machen könne und man im Prinzip außer einigen Anhaltspunkten, was zum Erfolg in der Vergangenheit beitrug „gar nichts wisse“, ist beruhigend. Der Mensch wird also zumindest als Produzent von Kunst nicht verschwinden, wenn es zukünftig auch hier sicher neue Formen und eine hybride Mischung zwischen analoger und digitaler Kunstproduktion geben wird. Diese These wird von Frey durch ein Beispiel aus der Musik gestützt.

Beim Komponieren mit Hilfe von Algorithmen auf Grundlage der Analyse von Strukturen Bachscher Musik wurde das neue Werk nur auf bereits durch Bach kreierten kompositorischen Strukturen erschaffen. Es ist also keine neue Kreation und auch keine musikalische Innovation. Fry meint mit Blick auf die Kunst, dass „Algorithmen, …, zweifellos großartige Nachahmer, aber keine besonders guten Innovatoren…“, seien.

Am Ende ihres Buchs wird Tolstoi mit den Worten zitiert: „Kunst ist kein Handwerk, sondern die Mitteilung von Gefühlen, die der Künstler erfahren hat“. Mit diesem Gedanken ist ein hoffnungsvoller Ausblick auf die zukünftige Rolle des Menschen gegeben. Fry sieht es ähnlich, wenn sie schreibt: „Die Reichweite von Algorithmen hat Grenzen, die man quantifizieren kann. Daten und Statistiken können alle möglichen atemberaubenden und verblüffenden Dinge verraten, aber nicht, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein.“. Wir können also hoffen, dass wir nicht so schnell unnötig werden oder gar verschwinden, wie von manch düsteren Apologeten prognostiziert!

Wird menschliches Handeln durch Algorithmen ersetzt werden?

Das eigentliche Fazit des Buches ist ernüchternd. Einerseits können wir mit der Hilfe von Algorithmen Probleme in den Griff bekommen. Innovationen und Fortschritt werden vorangetrieben. Andererseits ist jedoch auch klar, dass nicht alles, was wir uns versprechen, wirklich eingelöst werden kann. Neue intransparente Probleme werden hervorgebracht. Die zukünftige noch komplexere Welt der Algorithmen, braucht Regeln und Transparenz. Wie das in Zukunft zum Wohle des Menschen passieren soll, ist bei allen gut gemeinten Ansätzen (siehe z. B. DSGVO mit Blick auf den Datenschutz) ein schwerwiegendes Problem und weitestgehend ungelöst. Die Lösung dieses Problems könnte auch über die Zukunft unsere Demokratien mitentscheiden. Ein Fehlen an Orientierung schafft Verunsicherung. Gegenbewegung entstehen, die Intransparenz für Ihre Interessen nutzen. Neue Technologien werden im Verborgenen zur Destabilisierung der Gesellschaft oder sogar für eine Ausbreitung einer neuen Dimension von Kriminalität und Anarchie genutzt. Die politische Dimension und die Frage, wie die Algorithmen in eine als unsicher, unfair und unverlässlich wahrgenommenen Welt passen könnten, bleibt im Buch unscharf. Insofern ist es ein Sachbuch und eben kein politisches Buch. Die junge Wissenschaftlerin ist sich wohl bewusst, dass Fortschritt mit dem Werkzeug „Algorithmus“ neue Gefahren für das gesellschaftlich faire und gerechte Zusammenleben in sich birgt. Aus diesem Dilemma erkennt sie nur einen Ausweg: wie bei Ideologien sollen auch Algorithmen in ihrer Autorität vom Sockel gestoßen und ihre Allmacht angezweifelt werden. Nur unser kritisches Urteilsvermögen kann uns vor der Allmacht der Algorithmen bewahren. Die „Welt der Algorithmen“ hat uns auch neue Probleme beschert, die durchschaut und gelöst werden müssen.

Die Expertin kommt zu der Erkenntnis, dass es keinen „absolut gerechten Algorithmus“ gibt. Unter der Oberfläche lauern überall Probleme und es ist ein Abwägungsprozess nötig, der identifiziert, was gewonnen und was verloren wird. Das Buch bietet viel Stoff zum Nachdenken und Reflektieren. Am Ende bleibt die Autorin auch ihrem appellierenden Gestus treu, indem sie Hoffnung in die Zukunft des Menschen hegt, wenn die Autorität von Algorithmen angezweifelt wird. Algorithmen seien schließlich genauso unperfekt wie Menschen selbst. Wie haben in ihren Augen nur die Alternative, eine Situation mit oder ohne Algorithmus zu beurteilen. Das sollten wir anerkennen!

(Oliver Bülchmann)

LiteratureckeGlobale Zivilgesellschaft

Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben.

Beate Rössler

Rössler, Beate (2018). Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben. (3. Aufl.). Berlin: Suhrkamp.

Kann ein Leben ohne Autonomie ein gelungenes Leben sein?
Eine Reise auf dem Weg zu uns selbst – Beate Rössler geht dieser spannenden Frage in einem Netz von Ansichten und Perspektiven nach

„Man schaut nicht einfach hin und wählt etwas, man steckt immer schon bis zum Hals in seinem Leben.“ Dieser Satz von Iris Murdoch stellt ein zentrales Grundmotiv im Buch „Autonomie – Ein Versuch über das gelungene Leben“ von Beate Rössler (3. Auflage 2018, Suhrkamp Verlag Berlin) dar.  Auf der Grundlage philosophischer Theorien zur Frage der Gestaltung eines autonomen Lebens als auch mit Hilfe der Betrachtung und Interpretation literarischer Texte in Form von Tagebuchaufzeichnungen und Romanen fragt  die Philosophin, wie ein autonomes Leben gelingen kann. Das Buch ist keine Gebrauchsware als Lebenshilfe für ein glückliches Lebens. Die Autorin macht deutlich, dass man auf eine Reise gehen muss, um dem Streben nach persönlicher Autonomie näher zu kommen. Auf dieser Reise müssen Etappen der Selbstreflexion, der Reflexion der sozialen und politischen Verhältnisse durchlaufen werden, um sich im Meer von Ansprüchen, Optionen und Wünschen persönlich als  der, der man selbst ist und sein will, zu finden. Für diese spannende Reise greift die Autorin in ihrem Koffer auf wissenschaftlich-philosophisches Handwerk zurück. Der Ausgangspunkt ist die Begriffsklärung und die Einordung in eine geschichtliche Perspektive des Begriffs Autonomie. Das Buch hat eine klare Struktur. Der Leser kann den Gedankengängen der Autorin folgen, ohne sich im Labyrinth der Theorieansätze und Anschauungen zu verlieren.  Diese wohltuende Art und Weise, ohne eine zu direkte Deutung, lässt den Leser seine eigenen Gedanken entwickeln. Die Geschichte des eigenen Lebens kann aus der Distanz befragt werden. Die Vieldeutigkeit und Undurchsichtigkeit unserer modernen Welt wird mit Abstand und ohne besserwissenden Ton hinterfragt. In einer Welt der Überinflation von Deutungen und Meinungen ist dieses Vorgehen wohltuend und hilft, die eigene Urteilsfähigkeit zu entwickeln bzw. zu stärken.

Den Begriff der Autonomie stellt die Autorin in die Linie der ideengeschichtlichen Entwicklung seit der Aufklärung. Der Wert der Autonomie erfasst danach das Individuum in seiner Fähigkeit, für sein eigenes Leben Entscheidungen zu fällen. Die Idee der Autonomie wird folgerichtig als konstitutiv für unsere liberalen, demokratischen Gesellschaften betrachtet. Es ist dankenswerter Weise nicht das Ansinnen der Autorin, sich ausschließlich in philosophischen Kategorien und damit quasi in einem abstrakten Gedankenraum zu bewegen. Die Erzählung der strukturierten begrifflichen Voraussetzungen und Zusammenhänge sind für den Erklärungsversuch jedoch sehr hilfreich.

Welche grundlegenden Zusammenhänge stellt die Autorin her, welche Begriffe werden hinterfragt? Die Frage, des Strebens und der Sehnsucht nach Autonomie wird mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verknüpft. Die These der Autorin lautet: „ Man kann ein sinnvolles Leben leben, ohne glücklich zu sein; aber nicht, ohne selbstbestimmt zu sein.“.  Die Lektüre des Buches macht Defizite an Sinn und tragfähigen Visionen für eine humane Gesellschaft schmerzlich deutlich. Mit der Betrachtung und Interpretation  von Tagebuchaufzeichnungen berühmter Literaten ergänzt die Autorin ihre Argumente und erweitert mit sensiblen Zitaten. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie es um das Selbstverhältnis und die Zwiesprache dieser Tagebuchschreiber bestellt ist. Unter anderem wird ein Blick auf Musil, Woolf, Kafka, Herrndorf, und Frisch geworfen. In den Tagebüchern begibt sich die Autorin auf Spurensuche. In der Suche steckt die Frage: Gibt es einen Prozess, ein Vorgehen, einen Ablauf, wie die Suche nach Autonomie gelingen kann? Welche inneren und äußeren Spannungen muss und kann eine Person aushalten, um diesen Weg erfolgreich zu gehen? Die Autorin setzt auch Kontrapunkte, indem idealisierte Theorien und Gedankengebäude nicht als zielführend für eine umfassende und sinnerfüllende Lebensweise kritisch analysiert werden. Besondere Beachtung finden die diskursiven neueren Theorien der Moralpsychologie und der Handlungstheorie, die sich mit den Autonomiebedingungen beschäftigen. Hier ist besonders Harry Frankfurt zu nennen. Die Reflexion jüngerer Theorien zur Autonomie macht das Buch für den interessierten Leser, der über neuere Philosophen und Autoren kurze prägnante Aussagen und Zusammenfassungen sucht, ergiebig. Die Perspektiv- und Positionswechsel tragen zu einer spannenden Lektüre bei. Der Leser ist stets aufgefordert, sich auf die „Gedankenspiele“ einzulassen. Perspektiven werden gewechselt, Erkenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fächern und rein lebenspraktische Fragestellen gegeneinander abgewogen. Die Betrachtungen haben keinen Selbstzweck. Ziel ist es, eine Position einzunehmen und zu beantworten, was sinnvoll und wertvoll ist.

Der Bezug zu Joel Anderson und Axel Honneth bietet besonders Erhellendes zu brennenden Fragen unserer Zeit. Die Autoren sehen das Verständnis von Autonomie in Relation zu diversen Formen von Anerkennung. In diesem Zusammenhang wird deutlich, welche gravierenden Auswirkungen der Anspruch und die Möglichkeit zur Realisierung von Autonomie für den Einzelnen im sozialen Kontext haben. Das Versprechen der individuellen Freiheit kann in unseren liberal-demokratischen Gesellschaften nur bedingt eingelöst werden, da Anerkennung gegenüber den einzelnen Schicksalen und Lebensläufen nicht politisch und sozial erfahrbar ist. In unserer spannungsgeladenen Gegenwart haben die Menschen ein Gespür dafür entwickelt, welche Lippenbekenntnisse und Worthülsen nicht dem Gemeinwesen dienlich sind. Zu oft werden wirkliche Anerkennung und Respekt vorenthalten. In diesem Zusammenhang liegen tieferliegende Ursachen für die gegenwärtigen, sogenannten populistischen und nationalstaatlichen Tendenzen begründet. Das Buch zeigt Erkenntniswege auf, wie mit analytischem Vorgehen gegenwärtige soziale Spannungen erfasst und gelöst werden können.  Das gleiche Recht auf Formen von Autonomie sollte in diesem Zusammenhang auf die Agenda der gegenwärtigen politischen Diskussionen gesetzt werden. Ziel sollte es sein, Menschen aus Abhängigkeiten zu lösen, die nicht unseren allgemein verbindlichen Wertvorstellungen entsprechen. Formen der Anerkennung stellen eine wesentliche Grundlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar.

Ein weiterer wesentlicher Spannungspunkt für die Ausgestaltung der Autonomie wird in der Wechselbeziehung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten gesehen. Im Verlust der Privatperson, dem Verschwinden von Verschwiegenheit und Geheimnis insgesamt, wird der Verlust des klassischen humanistischen Begriffs des Individuums und der Individualität thematisiert. Der Gedanke, dass es ohne einen privaten Raum keine Autonomie geben kann, ist von großer Bedeutung für einen kritischen Blick auf unsere Zeit. Deutlich sieht die Autorin die Gefahr, dass der Spielraum für ein privates Aushandeln des Wunsches nach Autonomie und die Umsetzung im realen Leben besonders durch neue Technologien weiter eingegrenzt wird. In diesem Kontext betrachtet die Autorin mit den rechtlichen Rahmenbedingungen (Recht auf informationelle Selbstbestimmung) eine weitere Dimension, die den Schutz von Autonomie und die Realisierung erst möglich macht. Jeder kann nur so autonom sein, wie die Gesellschaft ihn sein lässt. Die Beantwortung der sozialen Fragen nach dem materiellen und ideellen Ausgleich der Interessen sind keine bloßen Reflexionen eines abstrakten Ideologiebergriffs. Welche Ansätze die Politik für die praktische Ausgestaltung von legitimen Interessen sozialer Akteure im Rahmen von Autonomiebestrebungen stärken sollte, zu diesem Nachdenken fordert das Buch auf. Legitime Ansprüche müssen formuliert und in die demokratisch-diskursive Entscheidungsfindung eingebracht werden.

Für Beate Rössler ist evident,  dass wenn man rein formal alles wählen kann, aber keinerlei Möglichkeiten hat, diese Chancen auch zu ergreifen, die Freiheit bedeutungslos ist. Die Subjekte sind letztlich unfrei. Wie viel eines äußeren Rahmens für eine gelingende Autonomie wird benötigt, damit ein Mensch seine eigenen Prinzipien und Werte auch umsetzen kann? Die Beantwortung der Frage kann nicht ohne einen Blick auf die ökonomischen Verhältnisse gelingen. Die Arbeitsgesellschaft ist Dreh- und Angelpunkt für die Verwirklichung von Autonomie. Der Großteil der Menschen ist auf Erwerbsarbeit angewiesen und verfügt nicht über Ressourcen, auf deren Basis ambitionierte Lebensentwürfe gelingen können. Diese Tatsache stellt nach wie vor eine permanente Abhängigkeit dar und macht für nicht wenige Menschen Autonomie im öffentlichen als auch im privaten Leben weitestgehend unmöglich. Von dem einst utopischen sozialistischen Gedanken: „Jeder nach seinen Möglichkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen!“, scheinen wir uns mit Blick auf die Heerscharen von Dauerpendlern, Prekärbeschäftigten, durch die Arbeitswelt Unzufriedenen und Unterforderten immer weiter zu entfernen. Demgegenüber sehen wir in den digitalen und analogen Medien Menschen mit scheinbar automatisiertem Lächeln, die das Arbeiten als Dauer-Event postulieren. Wo ist er also, dieser Ort nirgends, um ein Wort von Christa Wolf zu gebrauchen, wo wahrhaftige Autonomie mit Lust gelebt werden kann? In der Gegenwart ist dieser fiktive Ort auf jeden Fall nur für Wenige erreich- und gestaltbar, wenn es ihn denn überhaupt geben sollte.

Ebenso ist richtig, dass Autonomie überhaupt nur möglich ist, wenn man das Leben nicht damit verbringen muss, sich um die eigene Ernährung und die Existenz der Familie zu kümmern. Elementare Bedürfnisse müssen vor dem Nachdenken und Streben nach Autonomie befriedigt sein. Die Autorin knüpft den Sinn des Lebens an die Autonomie. Folglich kommt sie zu dem Schluss, dass unter gesellschaftlichen Bedingungen in denen sich die Menschen um nichts anderes kümmern müssen, als um die Befriedigung ihrer fundamentalen Bedürfnisse, ein sinnvolles Leben nicht möglich ist. Die Konsequenz ist überzeugend. Auf Basis dieser Erkenntnis ist die Schlussfolgerung, dass nur gesellschaftliche Theorien von erhellender Kraft und Deutungsmacht sein können,„… die von faktischen, nichtidealen, sozialen, kulturellen und politischen Strukturen einer Gesellschaft ausgehen,… an konkreten Erscheinungsformen gesellschaftlicher Unfreiheit interessiert, an realen Strukturen von Macht und Ausbeutung….“, sind, einleuchtend. Aus Sicht der Autorin gilt dieser Anspruch etwa für die Theorien von Theodor W. Adorno und Michel Foucault. Der beschriebene Gedanke wird im Buch nicht weiter vertieft. Der Weg,  wie eine weitere kritische Gesellschaftsanalyse aussehen kann, die Wege aus der Unfreiheit des Einzelnen in einem Netz von gesellschaftlichen Abhängigkeiten aufzeigt, wird jedoch mit den Autorenhinweisen skizziert. Über das Buch hinausgehend steht jedoch die Frage im Raum, ob diese links-liberalen und sozialkritischen Gesellschafttheorien nicht auch eine Legitimationskrise angesichts des Zustandes unserer globalen gesellschaftlich-politischen Systeme durchlaufen?

Ein lesenswertes Buch. Ein Buch welches man in seinem Leben immer wieder einmal in die Hand nehmen sollte. Auf diese Art kann man sich bewusst werden, wie weit man sich von der eigenen Autonomie entfernt hat oder wie nah man ihr gekommen ist. Die Verantwortung für das eigene Leben ist nicht übertragbar. Für das eigene Leben „Sinn“ zu produzieren, ist ein großes Ziel. Der Satz von Brecht: „Aber wie leben?“ steht wie ein kolossaler Anspruch in Raum und Zeit. Eigene Entscheidungen in gegebenen Kontexten zu hinterfragen, reflexiv und nicht affektgetrieben, mit Vorurteilen durch das Leben zu rasen, dazu fordert dieses Buch auf. Mit diesen subtilen Aufforderungen zu beständigen Verhaltensänderungen durch „Hinterfragen“ hat die Autorin viel erreicht. Gleichzeitig hat sie in Form des Buches einen wohltuenden Ruhepunkt mit entsprechendem Tiefgang geschaffen. Bei der Beantwortung wie man dazu in die Lage versetzt wird, autonom zu leben, bleibt natürlich Einiges im Dunkeln. Neben allem materiell, sozial Erklärbaren ist es auch ein Geheimnis, warum manche Menschen innerlich freier sind als andere. Dazu meint Beate Rössler„… Autonom – frei – sein heißt, selbständig Gründe – und zwar die eigenen Gründe – gegenseitig abwägen und für das Resultat dieser Abwägung selbst einstehen zu können….“. Sieht man es so, dann ist es gleich in welchen Umständen oder in welchem sozialen System man lebt. Es gibt also eine Chance auf Autonomie, überall.

(Oliver Bülchmann)

Literaturecke

Religion

Resilienz durch Glauben? Die Entwicklung psychischer Widerstandskraft bei Erwachsenen

Stangl Elias D. (2017): Resilienz durch Glauben? Die Entwicklung psychischer Widerstandskraft bei Erwachsenen (2. Aufl.). Ostfildern: Grünewald.

Die Frage nach dem Zusammenhang eines persönlichen Glaubenslebens und der möglichen positiven Auswirkung auf die psychische Befindlichkeit bzw. das Leben im Alltag beschäftigt Elias Stangl schon seit seiner Jugend. Nach abgeschlossenen Studien in Theologie und Philosophie an der Universität Salzburg widmete er sich der Forschung im Überschneidungsbereich von Theologie und Psychologie und fand vorerst als Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Salzburg später dann den Weg zu einem Dissertationsprojekt, das am Institut für Pastoralpsychologie und Spiritualität (Frankfurt a. M.) von Klaus Kießling betreut wurde.

Nicht selten entsteht in der Resilienzforschung der Eindruck, dass es einfach sei, Resilienz zu entwickeln. Elias Stangl geht dem Resilienzbegriff auf den Grund und übt konstruktive Kritik an dem viel gebrauchten Modewort: er verweist auf die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die den Begriff verwenden und konzentriert sich auf die psychologisch-pädagogische Sichtweise. Resilienz in diesem Zusammenhang ist aber deutlich MEHR als Coping (Krisenbewältigungskompetenz) und vor allem durch die Fähigkeit zu gedeihen gekennzeichnet. Diese Fähigkeit lässt sich unter anderem dann erlernen, wenn der Mensch bereit ist, sein Vertrauen zu stärken oder aufzubauen. Kann religiöser Glaube dabei helfen?

Die Binnenzergliederung der Theologie führt oftmals dazu, dass jeweils nur dogmatische, kirchenrechtliche, biblische, liturgische oder fundamentaltheologische Aspekte des religiösen Glaubens im Fokus stehen und somit offen bleibt, was das persönliche und individuelle Glaubensleben kennzeichnet und inwiefern es ein Zusammenwirken von Glaubenswissen (fides quae creditur) und Glaubenshaltung (fides qua creditur) ist. Elias Stangl analysiert DAS GLAUBEN und stellt Potenziale eines intrinsisch motovierten Glaubenslebens dar. Grundlage und Potenzial gleichermaßen ist eine vertrauende Grundhaltung, weswegen schon theoretisch Glauben und Resilienz zusammen hängen.

Doch wie genau das Glaubensleben die personale Resilienz aufbauen kann, zeigt die qualitativ empirische Studie, die Elias Stangl durchgeführt und ausgewertet hat. Glauben in verschiedenen Dimensionen hilft – und dennoch bleibt Glauben stets mehr, als (nur) diesseitige Hilfestellung. Deutlich wird jedenfalls, dass vertrauensbildende Maßnahmen dem Menschen immer gut tun und somit in der Pastoral ebenso angesagt sind, wie in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft allgemein.

(Elias D. Stangl)

Literaturecke

Globale Zivilgesellschaft

Autorität und Verantwortung

Paul Verhaege

Verhaeghe, Paul (2016): Autorität und Verantwortung. Unter Mitarbeit von Claudia van den Block. München: Verlag Antje Kunstmann.

 

In „Autorität und Verantwortung“ des gebürtigen belgischen Psychologen, Psychoanalytikers und Universitätsprofessors in Gent werden spannende Informationen und Argumentationslinien aus Politikwissenschaft, Soziologie, Anthropologie, Gender Studies und natürlich Psychologie zusammengetragen und auf interessante Weise  verknüpft. Der Autor schafft es, sowohl Akademiker (der jeweiligen Disziplin) als auch Nicht-Akademiker durch Aufmachung und Argumentationsweise anzusprechen. Für Akademiker erfreulich gibt es Literaturverweise und wissenschaftliche Begriffe und Erklärungen, welche aber auch dem fachfremden Publikum durch kurze, aber präzise und oftmals gut illustrierende Erklärungen dargestellt werden.

Das Kernthema für Verhaege ist das Schwinden traditioneller Autorität. Autorität, die für ihre Funktionalität laut Hannah Arendts Konzeption immer eine externe Legitimationsquelle benötigt, an die sowohl die autoritätsausübende als auch die empfangende Person glauben müssen, ist laut Verhaege im Falle der traditionellen, patriarchisch-hierarchischen Quelle aufgrund gesellschaftlicher Transformationen in einem Endstadium des Verfalls. Die hieraus abgeleitete Autorität wird zur Farce, und die ursprünglich autoritären Beziehungen werden mehr und mehr zu reinen Machtgefügen „degradiert“. Diese Entwicklung stellt er in den Kontext der verschiedenen konkreten Ursachen, damit auftretenden gesellschaftlichen und individuellen Probleme und der verschiedenen Lösungsansätze – auf die noch zu kommen sind. Das Interessante hierbei ist vor allem die dargestellte Breite, mit der die Auflösung der tradierten Autorität verbunden ist. So geht Verhaege nicht nur auf die auftauchenden Probleme von sogenannter Politikverdrossenheit und Skepsis gegenüber dem politischen Establishment ein, sondern auch auf andere Felder, in denen Autorität eine wichtige Rolle spielt und die immer wieder in den Fokus unserer Aufmerksamkeit gezogen werden: Erziehung und Familie (Vaterschaft und Mutterschaft), Sexualität, Schule, Wirtschaft usw. Vor allem aber ist sein eigener Lösungsansatz nicht (wie hin und wieder medial gefordert) die „einfache“ Rückkehr zur alten „guten“ Ordnung, sondern einer an moderne Zeiten (wie zum Beispiel die Informationsgesellschaft) angepasster Lösungsansatz: der Umformung der Gesellschaft in eine horizontal organisierte sowie die einhergehende Übertragung von der Autorität einzelner auf das Kollektiv.

Diese Umformung daher soll auf drei Ebenen anwendbar sein: Erziehung, Wirtschaft (Unternehmen) sowie Gesellschaft (Politik).

Als illustrierendes Beispiel für die Erziehung dient ein Vorschlag Verhaeges zum Umgang mit problematischen Schülern. Statt dass die Lehrer, Eltern, Schulpsychologen etc. einzeln mittels verbliebener Autorität versuchen, die Schüler wieder auf den „rechten“ Weg zu bringen (und daran oftmals scheitern) und damit auch zum Teil in miteinander konkurrierende Positionen gelangen, schlägt Verhaege eine Transformation in eine kollektive Autorität vor. Die Autorität soll von Mehreren gleichzeitig ausgeübt werden. Im Kontext der Schule heißt dies, dass sich etwa nicht der einzelne Lehrer mit dem Problem auseinandersetzen muss, sondern sich ihm Gleichrangige zur Ausübung der Autorität anschließen. Eine Weitergabe der Problematik an eine (einzelne) höhere Instanz wird vermieden. Das Stichwort hierbei ist soziale Kontrolle oder wie es Verhaege in Anlehnung an ein bekanntes Fernsehformat nennt: „Big Brother“

Auch für Unternehmen empfiehlt sich laut Verhaeghe eine horizontale Organisation. Statt „Statuskämpfe[n], Betrug, Verrat, Überregulierung, Demotivation, Magengeschwüre[n]“ sollen durch die direkte Einbindung der in Einheiten organisierten Mitarbeiter in Planung und Durchführung Effizienz und Betriebsklima verbessert sowie Attribute wie „Vertrauen, Transparenz, Selbstorganisation, Produktionszellen, Diskurs sowie Teilen und Wachsen“ einen festen Platz im Unternehmen erhalten. Abweichungen vom gewünschten Verhalten ließen sich auch hier durch ein funktionales Kollektivbewusstsein korrigieren bzw. sogar vermeiden. Während in normal organisierten Unternehmen vor allem die Autorität der übergeordneten Stellen bzw. eine extra eingerichtete Kontrollinstanz das Verhalten überwacht, fällt vor allem letztere in einem horizontalen gemeinschaftlich organisierten Unternehmen weg: Die Mitarbeiter übernehmen diese Rolle. Überregulierungen können somit abgebaut werden.

Die Zukunft der Politik sieht Verhaege in deliberativen Verfahren im Sinne von Fishkins Überlegungen sowie praktischen Durchführungen. In einer Situation eines allgemeinen Misstrauens gegenüber dem „politischen Establishment“, Einflussnahme durch finanzkräftige Lobbygruppen bzw. einer generellen Unterordnung der Politik unter das Primat der Wirtschaft(-lichkeit) und einer attestierten Dysfunktionalität der Parteienpolitik etwa aufgrund des Fraktionszwanges, freien Mandats und einem Unterangebot von Entscheidungsmöglichkeiten der Wähler sieht Verhaege hier drin eine Möglichkeit sowohl die Rationalität als auch die Partizipation zu erhöhen.

Die Fokussierung auf den Verfall der herkömmlichen Autorität und die daraus abgeleiteten Konsequenzen sind argumentativ gut nachvollziehbar, und auch die Lösungsansätze ergeben im Kontext der beschriebenen Probleme Sinn. Trotz dessen dürfen nicht die Schwächen bei Verhaeeges Ausführungen vernachlässigt werden. Neben kleinen Fehlern [1] , die allerdings keine tatsächlichen inhaltlichen Auswirkungen haben, sind es vor allem zwei Bereiche, die hierbei beleuchtet werden müssen.

Zum einen ist die implizit bereits erwähnte Vereinfachung natürlich nicht unproblematisch. Während ebendies Fachfremden nicht auffällt und hilft einen Überblick zu bewahren, sorgt diese bei Fachkundigen sicherlich eher für Skepsis. So werden Begriffe wie „Populismus“, „Demokratie“ und „Repräsentation“ in ihrer begrifflichen Reichweite stark verengt. „Demokratie“ etwa ist in der Politikwissenschaft nicht ohne Grund als „contested term“ [2]  bekannt, wird von Verhaege aber dahingehend benutzt, um derzeitige repräsentative Systeme beziehungsweise auch Wählen für Parlamente als undemokratisch zu betiteln – so einem nicht weiter ausgeführten ideellen Demokratiebegriffs Verhaeges folgend. Dass er sich allerdings auch aus diesem Problem wieder davon „befreien“ kann, spricht wiederum für Verhaege. Denn anstatt einfach nach einer Erneuerung der Demokratie zu rufen und unausgegorene Korrektive darzulegen, verweist er als Lösungsansatz auf den erwähnten, durchaus renommierten deliberativen Ansatz von Fishkin.

Zum anderen ist ein gewisser unkritischer Optimismus gegenüber zentralen Elementen seiner Überlegungen sowie gegenüber den von ihm vertretenen Lösungen erkennbar. Durch die klare Argumentationslinie fällt dies weniger stark ins Gewicht, aber zumindest eine Nennung von konträren Argumenten oder Autoren hätte die Seriosität weiter unterstützt, eine konstruktive Negierung derselben durch Argumente seine argumentative Position noch weiter gestärkt. [3] Auch die Eindimensionalität der Erklärung muss hierbei erwähnt werden. Auf alternative Erklärungen für die Phänomene wird nicht eingegangen. [4]

Schlussendlich ist „Autorität und Verantwortung“ eine gute Einführung, um sich der Probleme, die mit einem Autoritätsverlust einhergehen klar zu machen und sich die Relevanz von Autorität für das Funktionieren einer Gesellschaft – ob national oder global – vor Augen zu führen. Die Beleuchtung und Lösung mit Mitteln und Theorien der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen erscheint bis auf die wenigen fragwürdigeren Aspekte nachvollziehbar und positiv.

(Julian Wilden)

[1] So wird etwa die Intervallskalierung mit der Ordinalskalierung verwechselt.

[2] „Contested terms“ sind Begriffe zu deren Intension (und folglich Extension) es starke konkurrierende Ansätze gibt. Bei einem derart „wertaufgeladenen“ Begriff wie „Demokratie“ ist dies auch kein Wunder.

[3] So wäre ein Hinweis auf die ebenfalls existierende Literatur, die auf relevante Probleme des deliberativen Ansatzes, wie der Repräsentation und Legitimation, hinweist, wichtig gewesen.

[4] So findet sich bereits bei Platon eine Erwähnung einiger der von Verhaege beschrieben Phänomene, wobei Platon dies auf den dem demokratischen Menschen inhärenten Drang nach Freiheit zurückführt.

LiteratureckeGlobale Zivilgesellschaft

Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften.

Ludger Pries

Pries, L. (2015). Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften. (3. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

Wie kann auf komplexe gesellschaftliche und globale Herausforderungen wie dem Klimawandel, der (Arbeits-)Migration oder dem internationalen Terror reagiert werden? Welche Perspektive muss eingenommen werden, um solche Prozesse und Veränderungen zu beschreiben? Mit diesen Fragen leitet Ludger Pries seine Konzeptualisierung einer ‚Transnationalisierung der sozialen Welt‘ ein (vgl. Pries, 2015, Kapitel 1) und stellt mit dieser zugleich eine Antwort darauf vor.

Die Relevanz einer neuen Perspektive auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse und globale Herausforderungen wird zunächst durch Abgrenzungen zu Idealvorstellungen der Globalisierungsthese und homogener Nationalstaaten mithilfe historischer Bezugnahmen erläutert (vgl. ebd., Kapitel 2). Dabei könne ersteres mit einer transnationalen Perspektive ergänzt werden, da die Ausbreitung und Erweiterung sozialer, ökonomischer und politischer Vorstellungen und Fortschritte zwar feststellbar seien, sich aber ungleich über den Globus verteilen. Die Idee einer progressiven Entwicklung zur Weltbürgerschaft nach der Globalisierungsthese wird daher ebenso kritisch betrachtet wie die Vorstellung eines Kosmopolitismus, wie Beck sie konzeptualisierte. Statt einer „einheitliche[n] und geradlinige[n] Entwicklung der Vergesellschaftung“ (ebd., S. 31) betont die transnationale Perspektive, dass es gerade die Vielfalt und Ausdifferenzierung der neuen Lebensweisen sei, die neuen Zusammenhang stifte (vgl. ebd., S. 42). Dabei werden Nationalstaaten nicht mehr als homogene ‚Container-Gesellschaften‘, sondern als bedeutsame Rahmung bei Entscheidungsmöglichkeiten und für die Selbst- und Fremdwahrnehmung vorgestellt (vgl. ebd., S. 36f). Zugleich warnt Pries davor, Transnationalisierung als neuen ‚Catch-all‘-Begriff ähnlich dem der Globalisierung aufzufassen und zu nutzen, da auch dieses Konzept allein keine Antworten auf die komplexen Herausforderungen geben kann (vgl. ebd., S. 46).

Allerdings wird anhand von Beispielen der Arbeitsmigration und der Alltagswelt einer transmigranten Familie sowie von Organisationen die Transnationalisierung ‚von unten‘, also anhand der Vernetzungen und Reichweite aufgrund persönlicher Entscheidungen und alltäglicher Handlungen, dargestellt (vgl. ebd., Kapitel 3). Der hier erläuterte Zuwachs grenzüberschreitender Netzwerke leitet über in die Auseinandersetzung und Verhältnisbestimmung geographischer und sozialer Räume (vgl. ebd., Kapitel 4). Mit Rekurs auf Simmel führt Pries soziale Räume über geographische Grenzen hinaus: „Das Lokale als locals oder Bühne und Verdichtung von sozial-räumlichen Beziehungen ist immer eine Verschränkung von Flächenraum-, Sozialraum- und Zeitlichkeitsraumbezügen.“ (ebd., S. 113; Hervorheb. im Original)

Durch den Anhang ‚-bezügen‘ in dem Zitat soll die Dynamik und Formation neuer Vergesellschaftungsformen auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene betont werden. Da sich diese Ebenen überschneiden und Internationalisierung auf unterschiedliche Arten und Weisen vollziehen kann, werden im Folgenden sieben Idealtypen der Internationalisierung von Vergesellschaftung vorgestellt, von denen Transnationalisierung einer ist (vgl. ebd., Kapitel 5). Transnationalisierung wird hierbei als relationales Raumgefüge beschrieben, das sich durch ein Netzwerk alltagsweltlicher Sozialbeziehungen, soziale Positionierungen und geographische Projekte auszeichnet, wobei Identitäten, Haushaltsstrategien und Organisationsstrukturen unabhängig von geographischen Grenzen und einem bestimmten Zentrum entstehen (vgl. ebd., S. 161).

Neben der Erläuterung der Entwicklung dieses neuen Forschungsfeldes werden die Potentiale und Anwendbarkeit einer solchen Forschungsperspektive für andere (Teil-)Disziplinen vorgestellt. Es wird erläutert, dass Transnationalisierung ein breites Forschungsfeld bietet, welches die vielfältigen pluri-lokalen Wechselbeziehungen im Alltag der Menschen, von Organisationen und Institutionen aus verschiedensten Forschungsschwerpunkten und -blickwinkeln ermöglicht (vgl. ebd., Kapitel 6). Um das Forschungsfeld zu spezifizieren, werden daraufhin Analyseeinheiten für Sozialräume konzeptualisiert. Die theoretische Formulierung von Transnationalisierung wird hier erweitert mit Unterscheidungen hinsichtlich Untersuchungstypen, -aspekten, -dimensionen und -ebenen (vgl. ebd., Abb. 10, S. 236).

Damit endet die Absteckung des Forschungsfelds ‚Transnationalisierung‘ und es folgt in Kapitel 7 die Begründung, warum die transnationale Perspektive und die Internationalisierung der Vergesellschaftung mit den sieben Idealtypen eine passendere Antwort auf globale Veränderungsprozesse darstellt als die alleinstehende Globalisierungsthese. Vor allem die Zusammenfassung der Merkmale von Transnationalisierung: dynamische Einflussbeziehungen, diskursive Verhandlungsvorgänge, Aufgabenverteilung, Fokus auf einzelne Akteure bzw. Akteursgruppen, Netzwerkstruktur, Dauerhaftigkeit und Dichte der Verflechtungszusammenhänge, Grenzüberschreitung und pluri-Lokalität (vgl. ebd., 286ff.) verdeutlicht einerseits die Flexibilität und Überschreitung festgelegter geographischer Grenzen durch die Handlungen und Entscheidungen auf der Mikroebene von Einzelnen. Andererseits wird die Gebundenheit an den Raum berücksichtigt und damit die Ablehnung einer progressiven Globalisierungsvorstellung betont. Hervorgehoben wird ebenfalls, dass auch Transnationalisierung als ein Idealtyp der Internationalisierung von Vergesellschaftung gilt und in gegenseitiger Beeinflussung und auch Konkurrenz zu den anderen Formen steht. Anhand des Beispiels der Erwerbsregulierung werden daher Chancen und Herausforderungen dieser differenzierten Perspektive herausgearbeitet und erläutert. Transnationalisierung wird dabei nicht als ‚Allheilmittel‘ präsentiert, sondern grundsätzlich als neue Perspektive auf feststellbare und zunehmende Prozesse und Entscheidungen mit Betrachtung der Mikroebene (vgl. ebd., Kapitel 8).

Dennoch wird als Fazit und abschließend festgehalten, dass Transnationalisierung Möglichkeiten zur Handlungs- und Strategieerweiterung und Selbst- und Fremdverortung bietet und mit der Aushandlung von Beziehungen und Vernetzung einen Integrationsbeitrag leisten kann, da

[j]eder Einzelne […] also nicht wie ein Sandkörnchen im großen Topf der Nationalgesellschaft [ist], sondern wie ein Faden in dem komplexen Sozialgewebe der Gesellschaft, welches gerade dadurch zusammengehalten wird, dass jeder einzelne Faden mit sehr vielen anderen Fäden »verkettet« ist. (ebd., S. 43)

Wenn die Vorstellung, dass Globalisierung progressiv zu einer Weltbürgergesellschaft führen würde, abgelehnt wird, könnten allerdings transnationale Sozialräume zu einer solchen beitragen. Die Zusammenhaltung der Sozialräume geschehe durch relativ intensive Gemeinsamkeiten in den Erfahrungswelten und Daseinsweisen, die von den Menschen selbst geschaffen und zu Netzwerken verbunden werden (vgl. ebd., S. 359).
Mit dieser Arbeit knüpft Pries an vorangegangene an und sowohl das Interesse als auch die Entstehung stehen „im Zusammenhang von Forschungsarbeiten und Diskussionen seit der Mitte der neunziger Jahre“ (ebd., S. 7). Damit kann die Arbeit auf seine eigenen transnationalen Erfahrungen als Wissenschaftler zurückgeführt werden, da er seit 2001 Lehrstuhlinhaber für Soziologie/Organisation, Migration, Mitbestimmung an der Ruhr-Universität Bochum ist und u.a. zu Migration, Transnationalisierung, Arbeits- und Organisationssoziologie in Brasilien, Deutschland, Mexiko, Spanien und den USA forscht und auf Deutsch, Englisch und Spanisch veröffentlicht (vgl. CV L. Pries, Zugriff am 13. August 2016 unter http://134.147.141.194/pdf/150518_CV_deutsch_Pries.pdf, S. 1). Die Erstauflage dieser Arbeit erschien 2008; in dieser Zeit setzte er sich z.B. mit der Verbreitung und Kontextbedingungen Transnationaler Migrantenorganisationen in Europa und den Arbeits- und Partizipationsorientierungen von hochqualifizierten Angestellten und Führungskräften auseinander (vgl. CV L. Pries, S. 3f.).
Die Konzeptualisierung der ‚Transnationalisierung der sozialen Welt‘ und Internationalisierung der Vergesellschaftung kann als Weiterführung einer hohen Anzahl von Pries‘ Veröffentlichungen gesehen werden (vgl. ebd., S. 10ff.), die sich mit Transmigration und global operierenden Unternehmen und deren Veränderungen beschäftigen und auf die sich Pries hier bezieht (vgl. Pries, 2015, S. 386f.).

Der große Umfang der herangezogenen Literatur macht ein nach Kapiteln gegliedertes Literaturverzeichnis wünschenswert, da dies zur Nachvollziehbarkeit der benutzen Literatur beitragen und ein zielgerichtetes Arbeiten mit einzelnen Kapiteln unterstützten würde. Denn dies ist durch die vorhandenen ein- oder überleitenden zusammenfassenden Passagen (vgl. ebd., S. 164ff., 223ff.) möglich, die eine Auswahl nach Themenschwerpunkten erlauben und durch die Zusammenhänge ohne vorangegangene oder nachfolgende Kapitel verstanden werden können.
Ebenfalls kann die Auswahl und das Arbeiten nach Kapiteln erfolgen, da Kernpunkte der Transnationalisierungs-Perspektive wiederholt genannt werden. Diese Punkte sind erstens, dass die Vorstellung von nationalen Container-Gesellschaften nicht länger vertreten werden kann (vgl. ebd., S. 111, 116, 120f., 130, 137, 247, 358); zweitens die Warnung vor der Nutzung von Transnationalisierung als neuen ‚Catch-all‘-Begriff (vgl. ebd., S. 46, 126, 168, 223) und drittens, dass Transnationalisierung als Voraussetzung zum Weltbürgertum verstanden werden kann (vgl. ebd., S. 17, 46, 359). Diese Wiederholungen können entweder als didaktische Hilfen oder als Redundanzen gewertet werden. Beim Lesen einzelner Kapiteln vermag ersteres hilfreich sein, beim Lesen der gesamten Arbeit erschien besonders der erste Punkt, die Kritik an der Vorstellung von nationalen Gesellschafts-Containern im Zusammenhang mit der Abgrenzung zur Globalisierungsthese, redundant.

Dennoch werden mit den Wiederholungen die inhaltlichen Abgrenzungen der Transnationalisierungs-Perspektive und ihre Relevanz deutlich. Dies gelingt besonders auch dadurch, dass der theoretische Rahmen um empirische Forschung ergänzt wird und damit unterschiedliche Quellen und Studien das Ziel, grenzüberschreitende Praktiken und Prozesse zu beschreiben, unterstützen. Hier ist besonders das Kapitel 3 (ebd., S. 47ff.) zu nennen, in dem die Forschungsfelder Alltagswelten und Organisationen beispielhaft aus transnationaler Perspektive betrachtet werden. Allerdings fehlt in diesem Kapitel die Auseinandersetzung mit dem Forschungsfeld ‚Institutionen‘, das neben den Alltagswelten und Organisationen auf der Mikroebene als potentielles Forschungsfeld mit aufgeführt wird. Dies fällt auf, da es in Kapitel 7.2 (vgl. ebd., S. 253ff.) zu einer inhaltlichen Wiederholung kommt und hier alle drei Felder behandelt werden. Obwohl es zu Beginn hilfreich ist, einen ersten Eindruck der unterschiedlichen Forschungsfelder Alltagswelten und Organisationen zu bekommen, folgen erst daraufhin die Aufstellung der Analyseeinheiten und die theoretische Rahmung. Daher hätte das Kapitel 3 an anderer Stelle gesetzt bzw. in den Kontext des Kapitels 7.2 eingebaut und zusammengeführt werden können. Wenn dies der Fall wäre und die theoretischen Rahmungen und Analyseeinheiten bekannt sind, dann würde z.B. die Auseinandersetzung mit dem ‚Volkswagen-Konzern als transnationale Organisation?‘ (ebd., S. 66ff.) besser einzuordnen und nachvollziehbarer sein.

Weiterhin geht mit der Einführung der ‚Transnationalisierung der sozialen Welt‘ die Vorstellung der Internationalisierung von Vergesellschaftung einher. Diese wird aber weder in der Überschrift, auf der Frontispitzseite noch in der Inhaltsangabe des Buchrückens erwähnt. Generell kann auf diesen natürlich nicht alles benannt werden, aber da Pries Transnationalisierung eben als eine Form/einen Idealtypus von Vergesellschaftung (ebd., S. 160ff.) ansieht, erscheint die Internationalisierung der Vergesellschaftung als relevant und müsste stärker zu Beginn eingeführt werden.

Zur Beantwortung der Frage, wie mit dem Konzept der Transnationalisierung bzw. der Internationalisierung von Vergesellschaftung globale Herausforderungen und gesellschaftliche Prozesse betrachtet werden können bzw. sogar müssten, erscheint eher zweites mit den sieben Idealtypen und weniger die eine Form ‚Transnationalisierung‘ von Relevanz. Denn mit der spezifischen Auseinandersetzung und Erforschung der sieben Idealtypen würden die gegenseitigen Verknüpfungen, Beeinflussungen und Konkurrenzen in den Forschungsfokus geraten und einen Perspektivwechsel darstellen, wie Pries dies bei den ‚Formen der Internationalisierung von Erwerbsregulierung‘ (ebd., S. 302ff.) exemplarisch durcharbeitet. Auch im Hinblick auf weitere Forschungsarbeiten könnte es daher interessant sein, die unterschiedlichen Formen der Internationalisierung von Vergesellschaftung genauer zu fokussieren und auf empirische Beispiele anzuwenden. Die Internationalisierung von Vergesellschaftung wird hier zugunsten der umfassenden Darstellung der speziellen Form der Transnationalisierung in ihrem Potenzial verkürzt beschrieben, obwohl sie relevante Anknüpfungspunkte für die Forschung bietet.

Mit diesem Punkt soll allerdings nicht negiert werden, dass die ‚Transnationalisierung der sozialen Welt‘ als nachvollziehbare und fundierte Arbeit angesehen wird, die zur Auseinandersetzung mit sozial-geographischen Räumen und deren Überschreitungen anregt. Sie trägt zur Diskussion über Alternativen der Globalisierungsthese bei und schafft eine Gelegenheit, grenzüberschreitende Netzwerke auf der Mikroebene zu betrachten. Gerade die Erforschung alltäglicher und persönlicher Erfahrungen zeigt, dass hier keine rein abstrakte Theorie aufgestellt wird.

(Anne Häseker)

LiteratureckeNachhaltigkeit & Umwelt

Theorie der Nachhaltigkeit

Ekardt, Felix (2016). Theorie der Nachhaltigkeit. Ethische, rechtliche, politische und transformative Zugänge – am Beispiel von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Welthandel. (2. Aufl.). Baden-Baden: Nomos.

Ist Deutschland wirklich Umweltvorreiter? Nachhaltigkeit fordert dauerhaft und global durchhaltbare Lebensformen. Doch wenn dies nicht rein technisch erreichbar ist, ist das dann das Ende der Wachstumsgesellschaft?

Die transdisziplinäre, für die 2. Auflage (bzw. 3. Auflage der ursprünglichen Ausgabe) stark überarbeitete Habilitationsschrift integriert rechts-, politik-, sozial-, wirtschaftswissenschaftliche und ethische Diskurse und fordert sie kritisch heraus. Sind wirtschaftliche und politische Macht und „der“ Kapitalismus die Haupthemmnisse der Nachhaltigkeit? Welche Rolle spielen Gefühle und Normalitätsvorstellungen für die Transformation? Inwiefern scheitert Nachhaltigkeitspolitik bislang an zentralen Steuerungsproblemen? Wie viel Klimaschutz kann man ethisch und juristisch einfordern, etwa aufgrund der Menschenrechte? Und was ist eigentlich Freiheit?

Gezeigt wird, wie das Paris-Abkommen schwächelt und zugleich mit seiner Temperaturgrenze die Wachstumsgesellschaft transzendiert. Wie der Emissionshandel radikal reformiert werden muss, aber auch kann. Warum CSR, Bildung, Kooperations- und Glücksforschung überschätzt werden. Und wie eine integrierte Politik für Klima, Biodiversität, Stickstoff und Böden aussehen könnte.

(Prof. Dr. Felix Ekardt, LL.M., M.A.)

LiteratureckeWirtschaft

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Herrmann, Ulrike (2016). Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutige Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können. Frankfurt/Main:Westend.

 

Es gibt nicht nur die „Lückenpresse“, es gibt auch die „Lückenwissenschaft“. Letzterem Phänomen widmet sich die TAZ-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike HERRMANN in ihrem 280-Seiten-Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“. Der Untertitel formuliert zwei Ansprüche: »(Darstellung der) Krise der heutigen Ökonomie« und »Was wir von SMITH, MARX und KEYNES lernen können«. Letztere sind bekanntlich die Erzväter eines Wissensgebiets, welches Adam SMITH (1723 – 1790) „Nationalökonomie“ nannte, Karl MARX (1818 – 1883) als „Politische Ökonomie“ bezeichnete und zu Zeiten von John Meynard KEYNES (1883 – 1946) als „Volkswirtschaftslehre“ auf Universitäten unterrichtet wurde. Die Autorin nennt es eine Sozialwissenschaft und beklagt, dass selbige heutzutage als „Makroökonomie“ von der realen Gesellschaft abstrahiert und normalen Bürgern unverständlich bleibt.

Das Thema »Krise der heutigen Ökonomie« wird auf 28 Seiten und »Was wir von S., M. und K. lernen können« auf 8¼ Seiten abgehandelt. Die restlichen 193 Seiten sind nicht etwa der Analyse heutiger wirtschaftlicher Vorgänge und Beziehungen auf nationaler und internationaler Ebene gewidmet, sondern mit möglichst lustigen Begebenheiten aus dem Leben der vorgenannten Ökonomen (wobei nicht auf die Beschreibung der Eiterbeulen an Gesäß und Schambereich von MARX verzichtet wird), diversen Zitaten von ARISTOTELES (3. Jh. v.u.Z.) bis Thomas PIKETTY (geb. 1971) und Milchmädchen- bzw. Kartoffelbauerbeispielen aus der Mikroökonomie gewürzt. HERRMANN stellt also keineswegs die Probleme der kapitalistischen Produktionsweise (das wäre „Kapitalismus“) im 21. Jahrhundert dar, sondern nur deren unvollständige und auch sonstig mangelhafte Widerspiegelung in der gelehrten Theorie der sogenannten „neoliberalen Schule“ (HAYEK, FRIEDMAN u.a.). Insbesondere beklagt sie deren exzessive Fixierung auf „globale Finanzmärkte“.

Was vermittelt die Autorin als das von den drei klassischen Ökonomen zu Lernende? Eigentlich nichts Direktes. Verständlich, denn die konkreten Erscheinungsformen von Wirtschaft änderten sich selbst seit KEYNES’ Tod erheblich; seit SMITH noch viel mehr. HERRMANN drückt es apodiktisch so aus: »Jede Generation muß ihre eigene Wirtschaftswissenschaft erfinden. Trotzdem können SMITH, MARX und KEYNES wesentliche Anregungen liefern.« Vom schottischen Moralphilosophen SMITH zitiert sie (eingangs) aus dessen Hauptwerk »Der Wohlstand der Nationen  –  eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen« (1776) einige Begriffe, darunter Arbeitsteilung, Markt, Ware, Nachfrage und Preis. Ihm ging es um das Gemeinwohl; seine Bezeichnungen von Gruppen, die sich »Arbeit« (und Eigentum) »teilen« (Tagelöhner, Kaufleute und Landlords) stehen für Klassen und »Interesse« steht für Profit. Der Sozialphilosoph MARX wird mit Friedrich ENGELS dafür gerühmt, dass beide die Bedeutung der Großindustrie und die Rolle der Konkurrenz als Erste erkannt und den ʹKapitalismusʹ, also die kapitalistische Produktionsweise, als einen (historischen) Prozeß begriffen hätten. Dem Logiker und Finanzpraktiker KEYNES wird attestiert, dass er damit recht hätte, nicht den ʹArbeitsmarktʹ, sondern den ʹFinanzmarktʹ in das Zentrum der Untersuchungen zu stellen und »in Gesamtaggregaten zu denken«. Diese weißen Schimmel der Ökonomie verstünden die Neoklassiker („Neoliberalen“) nicht zu reiten. HERRMANNs Urteil: »KEYNES’ System ist unverändert aktuell.« (vgl. oben »Jede Generation …«). Es muß nicht hinzugefügt werden, dass sie weder SMITHs Begriffe definiert, noch MARX’ gültige Erkenntnisse über die Rolle der Arbeitslosen und das permanente Wachstum der Einkommensunterschiede strukturiert darbietet. Die Überschrift zum Abschnitt (eine Seite) über KEYNES’ System (dargestellt in seinem Hauptwerk »Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes«, 1936) lautet: »Sicher ist nur die Unsicherheit«. Der Abschnitt endet mit der Trivialität: »Geld ist nicht neutral, sondern hat immense Bedeutung im ʹKapitalismusʹ.« HERRMANN offenbart abschließend historisch-dialektische Unkenntnis: »Der ʹKapitalismusʹ ist das einzige dynamische soziale System, dass die Menschheit je hervorgebracht hat. Die Ökonomie sollte ihn erforschen, statt ihn aus ihrer Theorie zu verbannen.«

Der rustikale Rat der Autorin lautet: »Die Herde der Finanzanleger lässt sich nur stoppen, wenn ʹmanʹ das Gatter der Weide verrammelt.« ʹManʹ müsse die Devisenspekulation unterbinden, die Wechselkurse der Währungen „fixieren“ und sowohl große bzw. permanente Überschüsse als auch große bzw. permanente Defizite im Außenhandel mit Strafzinsen zugunsten einer Weltzentralbank belegen. „Witzig“ ist, dass die Autorin die gegenwärtige Situation Griechenlands mit der des reparationsbelasteten Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg vergleicht. Das dürfte die griechische Bevölkerung ähnlich sehen. HERRMANN weiter: »Die frohe Botschaft lautet: Europaweit werden alle reicher, …, wenn die deutschen Arbeitnehmer mehr verdienen.« Den rechnerischen Beweis für dieses Gesamtaggregat bleibt die Autorin schuldig. Ganz zu schweigen von einem Vorschlag, wer denn die Kraft sein soll oder kann, um die Gatter der kapitalistischen globalen Weide zu verrammeln.

(Dr. Hermann Wollner)

Wirtschaft

E-Book Ratgeber „Haushaltsplan & Haushaltsbuch“: Einnahmen und Ausgaben sinnvoll managen

Eigentlich ist eine Website rund um Kredite und Kreditablösung durch günstige Darlehen der letzte Ort, an dem der Verbraucher nach Tipps zum Sparen im Alltag suchen würde. Doch genau diese legen die Macher von Kreditzentrale.com mit ihrem E-Book Ratgeber „Haushaltsplan & Haushaltsbuch“ vor. Was hat der Ratgeber Menschen, die auf Sparmaßnahmen angewiesen sind, zu bieten?

Die Grundlagen der Haushaltsbuchführung

Um zu verstehen, weswegen die Führung eines Haushaltsbuches Sinn ergeben kann, erklärt der Ratgeber zuerst einmal, welche Posten in einem Haushaltsbuch aufgeführt werden, wie die Strukturierung gelingt und welchen Nutzen das Ganze verfolgt. Auch Begriffe wie Budget, Einnahmenermittlung und andere Grundlagen werden einzeln behandelt. Damit ist das E-Book auch für Menschen geeignet, welche sich bisher wenig Gedanken um ihr Finanzmanagement gemacht haben. Die einzelnen Ausgabeposten, die über das Jahr anfallen, meist in monatlichen Posten, werden genau so besprochen, wie die Frage der festen Bezüge wie Rente, ALG II oder Kindergeld. Wie plant man vier Wochen vor, wenn das einzige Einkommen am Ersten des Monats gebucht wird? Doch auch Einkommen aus Immobilien oder offene Unterhaltszahlungen werden als Faktoren benannt.

Der Ratgeber, den Sie hier herunterladen können, schafft auf zwanzig Seiten das, was ein Finanzberater für Privatfälle in mehreren Stunden Beratung erörtert. Dabei fällt positiv auf, dass trotz des kostenlosen PDF-Angebotes der Kreditzentrale das E-Book selbst keinen Fokus auf Kredite und Ratenzahlung legt. Zwar werden diese Themen mit abgehandelt, doch im Großen und Ganzen richtet sich das Heft an Personen, die in diese Falle gar nicht erst – oder noch einmal – tappen wollen. Eine gute Einführung in ein komplexes Thema, und völlig ausreichend für den privaten Verbraucher.

(Marcel Ziegler)

image1Globale Zivilgesellschaft

Franco, Jorge (2014). El mundo de afuera: Alfaguara. Madrid:Alfaguara.

Resumen

Novela de Jorge Franco, autor colombiano nacido en Medellín, autor de la multi-traducida Rosario Tijeras que novela la historia de don Diego y su  familia,  empresario colombiano, que construyó en los años 40 el último  castillo de los cuentos de hadas para guardar a su hija Isolda  y a su esposa alemana Doña Benedikta Zur Nieden. El autor cuenta el secuestro de don Diego por un delincuente. El Mono, amante de la poesía de Flórez y enamorado de la hija del patriarca. Novela construida en sobre unos sólidos y complejos personajes que hacen de ella buena lectura.

Summary

Novel by Jorge Franco, Colombian writer born in Medellin, author of the multi-translated Rosario Tijeras, which tells the story of Don Diego and his family, Colombian businessman, who built in the 40s the last castle of fairy tales to save his daughter Isolde and his German wife Doña Benedikta Zur Nieden. The author tells the story of the kidnapping of Don Diego by a criminal. The Monkey, poetry lover of famed poet Julio Florez and in love with the daughter of the patriarch. The novel is built on solid and complex characters that make it good reading.

Isolda es un sueño de niña y su padre don Diego construye un mundo en una burbuja a su alrededor para que nadie rompa ese maravilloso ser que él quiere conservar  en su pureza y belleza a costa de su hija. Pero los niños tienen la osadía de preguntar y crecer  preguntándose ¿Qué cosas hay fuera? ¿Quién soy? ¿Qué me gusta? y no tienen miedo a querer aquello que no conocen, y, si no, lo sueñan. “El mundo de afuera” es para don Diego la realidad que quiere evitar para que no contamine la vida de su hija. Construye un castillo en Medellín (Colombia) en la loma de los Balsos para alojar a su familia conforme a las reglas de los cuentos.

Jorge Franco ganó el premio Alfaguara de novela 2014, nació en Medellín, Colombia. Hizo estudios de dirección y realización de cine en The London International Film School, en el Reino Unido. Fue miembro del Taller Literario de la Biblioteca Pública Piloto de Medellín, que dirigió Manuel Mejía Vallejo, del Taller de Escritores de la Universidad Central y realizó estudios de Literatura en la Universidad Javeriana. Con su libro de cuentos Maldito amor ganó el Concurso Nacional de Narrativa «Pedro Gómez Valderrama», y con la novela Mala noche obtuvo el primer premio en el XIV Concurso Nacional de Novela «Ciudad de Pereira» y fue finalista en el Premio Nacional de Novela de Colcultura. Su novela, Rosario Tijeras ganó la Beca Nacional de Novela del Ministerio de Cultura y fue galardonada en Gijón (España) con el Premio Internacional de Novela Dashiell Hammett 2000. Ha sido traducida a más de quince idiomas y fue llevada exitosamente al cine y la televisión. El autor quería contar la historia real de esta familia que si bien se construyó un mundo para olvidar El mundo de afuera, este, existió rotundo y se les vino encima encontrándoselo de cara y sufriendo las consecuencias más duras.

Noveló la historia del empresario don Diego y su secuestrador el Mono y los enamoró de la misma persona,  Isolda, dos enamoramientos diferentes, uno de ensueño otro de posesión, este nexo común inventado por el autor le da motivo para recrear conversaciones donde el Mono habla y recita a su poeta, Julio Flórez y don Diego mira el techo despreciando al ser que tiene al lado, durante esos diálogos sordos, sin escucharla, mientras leemos los monólogos de ambos protagonistas sobre sus sentimientos hacia ese ser maravilloso que ambos han creado, podemos escuchar la música de Wagner salir de la selva que rodea la casucha donde mantienen al  secuestrado entre nieblas y miedos a que los descubran.

El Mono le cuenta a don Diego el amor que profesa a Isolda y se lo cuenta recitando la poesía que el patriarca secuestrado desprecia por ser eso, por popular, negándose a creer que ese hombre de “afuera” haya cruzado la mirada con su hija divina y se lo diga con versos ajenos. Franco es un creador de personajes magnifico, sobre todo femeninos. Lo hizo en su novela Rosario Tijeras. En esta, hay cinco personajes femeninos que son muy bonitos y complejos: Dita, la mujer de don Diego, alemana, incrustada en Medellín en una sociedad provinciana  de los años 50 desconocida para ella, donde ha de representar un papel que ella asume como una misión, Isolda,  que se le permite ser niña y relacionarse con personas de su ámbito familiar y soñar pero sin ponerlo en evidencia ante su padre, pues a la menor señal de contacto con el exterior dudoso, la manda a estudiar a Estados Unidos.

Mí preferida es Twiggy extravagante persona que le canta al Mono canciones de Nino Bravo:

Tú cambiarás cuando sepas comprender mi amor por ti, cambiarás y jamás podrás vivir sin mí….

Compañera del Mono Riascos y delincuente eficaz, inteligente y libre que sabe donde quiere estar. Un personaje femenino menor, pero que me ha gustado, es la madre del Mono, mujer fuerte, solida, madre de un delincuente que gobierna su casa con firmeza y cariño y por último, la institutriz que Dita se trae de una Alemania de postguerra para que eduque a Isolda en los cánones europeos de comportamiento y cultura que una niña de alta sociedad ha de recibir, pero la institutriz sufre la sensualidad del trópico que la persigue sin dejarla vivir.

La novela me ha gustado, comencé con dificultad y me fui llenando, satisfecho, de este guión novelado que ha ganado el premio. Es una novela a la que le sobran 30 páginas por darle demasiada cuerda a algún personaje estéril pero que seguro que el autor necesitaba para no apartarse de la historia real en que estuvo trabajando tres años, pero su construcción  tiene una ventaja para el lector, son capítulos cortos muchos muy logrados pero todos muy bien escritos.mCuidado al leerla, tiene tres narradores. Conozco el castillo de don Diego, hoy es un lugar de eventos donde exposiciones y conferencias te permiten  pasearse por sus salones e imaginar donde tocaba el piano Isolda.

Léanla disfrutaran y necesitaran alguna vez el móvil para preguntar alguna palabra que fue nuestra pero son ellos los colombianos los que la utilizan mejor.

(Felipe Gallego)

Globale Zivilgesellschaft; Wirtschaft 

Eggers, Dave (2015). Der Circle: Roman, 10. Aufl. Kiepenheuer et Witsch, Köln.

Big Data – Chancen und Risiken

In seiner überaus lesenswerten und spannend geschriebenen Distopie befasst sich Dave Eggers mit den Chancen und Risiken einer durchdigitalisierten Gesellschaft. Die junge Mae fängt beim Circle an, einem jungen, ambitionierten Unternehmen, das mehr und mehr Internet- und Kommunikationsdienste in sich vereinigt. (Ein Schelm, wer da an Google denkt.) Mae taucht ein in eine Welt voll von Datenkraken und Idealismus – denn niemand denkt hier an die Risiken einer totalen Überwachung. Stattdessen träumen alle von der besseren Welt, die uns diese Datenströme ermöglichen können. Auch Mae übernimmt mehr und mehr die Ideale und Überzeugungen des Circles. Doch zwischendurch zuckt man als Leserin zusammen Kann man Privatsphäre wirklich als Diebstahl bezeichnen? Führt Kamera-Überwachung zu moralischem Handeln der Einzelnen und einem besseren Zusammenleben für alle? Muss es nicht irgendwo Grenzen geben? Der Widerspruch wird bis zum Ende des Buches durchgehalten, eine Lösung muss die Leserin schon selbst für sich finden. Nach einem deutlichen Plädoyer für Privatsphäre, Verschlüsselung und Datenschutz sucht man hier vergeblich. Entlang der kurzweiligen Rahmenhandlung werden die Chancen und Risiken, Utopie und Distopie einer durchdigitalisierten Gesellschaft nebeneinander aufgezeigt.

Insgesamt handelt es sich hier um einen überaus empfehlenswerten Roman, der anschaulich aufzeigt, welch dramatische Folgen aus den besten Absichten heraus entstehen können und wie wichtig es ist, mögliche Gefahren und rechtzeitige Grenzziehungen im Blick zu behalten. Danach überlegt man sich jedenfalls zweimal, ob die sozialen Medien und die immer weiter gehenden Vernetzungen und Verlinkungen verschiedener Online-Dienste wirklich nur Annehmlichkeiten mit sich bringen.

(Sonja Knobbe)

Globale Zivilgesellschaft

Gosewinkel, Dieter; Rucht, Dieter; van den Daele, Wolfgang & Kocka, Jürgen (Hrsg.) (2004). Zivilgesellschaft – national und transnational. WZB-Jahrbuch. Berlin:edition sigma.
Gosewinkel, Rucht, van den Daele und Kocka ist ein wissenschaftliches Engagement am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin (WZB) im Bereich Zivilgesellschaft gemeinsam, woraus sich die Erstellung eines WZB-Jahrbuches mit dem Titel „Zivilgesellschaft – national und transnational“ entwickelt hat. Die international rennomierten Sozialwissenschaftler Kocka und van den Daele sind bereits emeritiert, während Prof. Dr. Rucht die Forschungsgruppe „Civil Society, Citizenship, and Political Mobilization in Europe“ leitet und Prof. Dr. Gosewinkel dem „Rule of Law Center“ am WZB vorsteht.
Das Jahrbuch soll das Forschungsengagement und die verschiedenen Zugänge zur komplexen Thematik Zivilgesellschaft darstellen. So finden sich Betrachtungen aus sozialwissenschaftlicher und auch historischer Perspektive, die Zivilgesellschaft in Bezug auf verschiedenste Schwerpunkte, wie z.B. Medien, Europa oder auch Nachhaltigkeit beleuchten.
Die Definition von Zivilgesellschaft wird durch die Herausgeber auf allgemeinster Ebene vorweggenommen: Die verbreitete bereichslogische Verwendung (Raum neben Staat und Wirtschaft) wird ausgeweitet auf eine handlungslogische Konzeption. Demnach zeichnet sich zivilgesellschaftliche Institutionen durch einen besonderen Typus sozialen Handelns aus, d.i. selbstorganisiertes und friedliches Handeln im öffentlichen Raum mit dem Ziel, das allgemeine Wohl zu befördern. Wirtschaftliche und kämpferische Handlungen werden explizit ausgeschlossen.
Das Werk ist gegliedert in fünf Teile: Nach der vorhergehenden Einführung in die Debatte und Definition gehen die Beiträge auf die historisch veränderlichen Grenzen einer Konstitution von Zivilgesellschaft zwischen Staat, Wirtschaft und Gewalt ein. Im daruffolgenden Teil wird auf die verbreitete Gleichsetzung von Zivilgesellschaft und Drittem Sektor eingegangen. Die Autoren wollen sich dem nicht anschließen und ordnen die Zivilgesellschaft dem „intermediären Bereich[] zwischen Staat, Markt und Privatssphäre“ zu, der über den Dritten Sektor hinausreicht. Im Anschluss daran gehen die Autoren auf das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Staat wie auch auf ihren transnationalen Aspekt ein.
Insgesamt gesehen bietet das Buch einen koheränten Überblick über Geschichte und Konzeption von Zivilgesellschaft im Allgemeinen. Das global übergreifende Moment von Zivilgesellschaft rückt jedoch ein wenig in den Hintergrund, es wird eher der Begriff an sich, zumeist innerhalb nationalstaatlicher Grenzen beleuchtet. Positiv zu bewerten ist jedoch die Diversität der Perpektiven, unter denen auf die Thematik eingegangen wird.

Gesundheit und Soziales

Oliver Sacks fue un neurólogo británico, que desarrolló su carrera en EEUU que nos acercó, a las personas no médicos,  las dolencias o enfermedades neurológicas,  en libros tan famosos como Despertares que se convirtió en película protagonizada por Robin Williams y Robert de Niro.  

Esta autobiografía muy bien titulada  “En movimiento. Una vida” refleja el alma de una persona que no quería dejar a esos enfermos sin atención y cuidados. Un vida singular y hermosa.

No he podido, durante la lectura,  separar la imagen de Oliver Sacks de la de  Robin Williams  por  la película Despertares.

La imagen iba y venía una y otra vez, la interpretación del actor me impresionó y eso  que no estuvo nominado a los Oscar, en cambio la de Robert de Niro, en el papel del paciente que se despierta, si  estuvo. Creo, que quizá, el doctor que representa Robin, para los académicos, era demasiado  parecido al actor y no supieron distinguirlo del personaje.

Competía con Jeremy Irons,  que ganó, con   Kevin Cosner, en Bailando con lobos,  con Gerard Depardieu por Cyrano de Bergerac y con  Al Pacino este último por El Padrino III. Todo esto sucedía en marzo de  1991.

Ambos han muerto, el actor se suicidó, sin decirnos porque, sin dejarnos una nota a su público, soy egoísta porque quería que se quedara para ser de nuevo profesor de literatura o  rey pescador. No pudo soportar la farsa.  El doctor, murió en su cama rodeado de sus amigos, por un segundo cáncer que esta vez no pudo superar.

Oliver Wolf Sacks (Londres, 1933 – Nueva York, 2015) escribía incesantemente como habito personal, como pasión, como sistema  para dejar por escrito esas ideas, sentimientos o pensamientos  que nacen ante un acontecimiento, un paisaje o un problema que llevamos tiempo solucionando o simplemente para saber quién era. Él, paraba el coche y anotaba.

En las  fotografías que aparecen en el libro se le puede ver anotando en el techo del coche o con el cuaderno apoyado en las rodillas mientras descansaba en un porche con la cordillera que  rodea a Machu Pichu de fondo.

En movimiento es el resumen de todos esos cuadernos: vital, apasionado, reflexivo, duro, bien escrito  pero  sobre todo lúcido. ¿Porque? Pues porque me ha emocionado sentir la admiración por su padre, me ha dolido la respuesta de su madre cuando se entera de su homosexualidad, me ha entristecido ver/sentir su impotencia  como  neurólogo, no podía hacer nada para recuperar a su hermano con una enfermedad mental, me he alegrado cuando logra encontrar un camino para llegar a los enfermos incapaces por la  encefalitis, a relacionarse con el mundo que les rodea , me ha enfadado su cabezonería cuando  tarda en acabar un libro por afinarlo o mejor por puro miedo, me he alegrado con esa cabezonería cuando consigue abrir a los enfermos abandonados en hospitales siquiátricos nuevas expectativas, me he emocionado con su sensibilidad hacia los problemas de las personas que son diferentes y me quedé sorprendido, intrigado y lleno de dudas por su relación con las drogas.

Todos estos sentimientos me provocaron que tardara  cuatro tardes en leerme el libro.

No me aburrí ni un minuto y en verano me he prometido repasarlo leyendo su libro de viajes: Diario de Oxaca.

El autor era un adicto a viajar, parte del libro lo dedica a los viajes con su  cabalgadura la BMW R60, con la que aparece en la portada del libro, recorre EEUU y esos  viajes son la ventana que un científico deja abierta para observar al mundo y a sus caminantes  y anotar en sus cuadernos como él los ve.

Si han llegado hasta aquí leyendo este comentario, no les tengo que decir que les recomiendo que lo lean, si no lo perciben  así es que no lo he hecho bien.

Los otros libros que recomiendo del autor son:

  • El Hombre que confundió a su mujer con un sombrero
  • Un antropólogo en Marte
  • Despertares
  • Diario de Oaxaca (que lo leeré en verano)

Globale Zivilgesellschaft

Hein, Wolfgang (2005). Zivilgesellschaft und globale Politik. In: Joachim Betz & Wolfgang Hein (Hrsg.): Neues Jahrbuch Dritte Welt 2005. Zivilgesellschaft. Wiesbaden:VS.
Der 1949 geborene Prof. Dr. Wolfgang Hein studierte in Konstanz Geschichte, Politik und Sozialwissenschaften, bevor er 1983 in Konstanz promovierte und 1996 in Hamburg habilitierte. Sein  Forschungsinteresse für Entwicklungsländer, besonders in Lateinamerika, fließt konstant in seine Arbeit mit ein, z.B. durch Lehraufträge u.a. in Costa Rica oder sein aktuelles Engagement am GIGA (German Institute of Global and Area Studies) Institut für Lateinamerika-Studien.
In dem zusammen mit Joachim Betz herausgegebenen Band „Neues Jahrbuch Dritte Welt 2005: Zivilgesellschaft“ geht Hein in seinem Beitrag zunächst auf die historische Entwicklung von nationaler, internationaler bis hin zu globaler Zivilgesellschaft ein. Darauf aufbauend befasst er sich nicht mit der definitorischen Debatte, sondern geht konkret auf den Einfluss einer Zivilgesellschaft auf institutionelle, politische Prozesse durch die organisierte Artikulation von Interessen ein. So fragt er nicht nach einer Konzeptionalisierung von Zivilgesellschaft, sondern nach der  Entstehung zivilgesellschaftlicher Strukturen und ihrer heutigen Funktion in der Global Governance als Gegengewicht zur Politik.
Insgesamt beschäftigen sich die Autoren in diesem Band mit der an Bedeutung gewinnenden Rolle von Zivilgesellschaft und ihrem Potential als Voraussetzung für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt gerade im Hinblick auf Entwicklungsländer. Hein selbst stellt die definitorische Frage in den Hintergrund der praktischen Relevanz von Zivilgesellschaft und setzt eine weitgefasste handlungslogische Abgrenzung derselben voraus, wonach zivilgesellschaftliches Handeln eigenständiges und friedliches Handeln im öffentlichen Raum bedeutet, welches sich um die Beförderung des Allgemeinwohls bemüht. Generell bietet der Essay Heins einen guten Einstieg in die Entwicklung einer „postmodernen Gouvernementalität“ zusammengesetzt aus verschiedensten Gruppen und ihren Einfluss auf die globale Politik. Die weiteren Essays in diesem Buch befassen sich dann konkreter mit bestimmten Anwendungsfällen wie am Beispiel von Palästina oder auch von biologischer Diversität.

Religion

Manemann, Jürgen & Schreer, Werner (Hrsg.) (2012). Religion und Migration heute. Perspektiven – Positionen – Projekte. Regensburg:Schnell & Steiner.

Die Festschrift zum 70. Geburtstag eines katholischen Bischofs wie hier der von Norbert Trelle in Hildesheim ist ja nicht von Haus aus eine besonders spannende Lektüre. In diesem Fall gilt das schon, denn Bischof Trelle ist der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, und in seinem Bistum liegt das Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover. Diese Einrichtung hat
am 5.Mai 2012- also lange vor der großen Einwanderung ab 2014- ein Symposium zum Thema veranstaltet, mit sehr lesenswerten Beiträgen.
Zum einen deshalb, weil Religion in Migrationsfragen eine viel größere Rolle spielt, als es der Öffentlichkeit in Deutschland bewusst ist. Zum anderen, weil das Spektrum der Autoren eine breite Palette von Erfahrungen abdeckt- von Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung zu Hamideh Mohagehghi, Mitbegründerin des islamischen Frauennetzwerks Huda, Ursula Boos-Nünning, Professorin für Migrationspädagogik in Dusiburg-Essen und zahlreichen anderen Autorinnen und Autoren. Inhaltlich geht es um Religion als Faktor, aber auch Störfaktor von Integration, aber auch um die „Revitalisierung“ und „Transformation“ von Religion durch Migrationsbewegungen.  Interessant ist beispielsweise der Blick über die Grenzen, wenn es um den Islam in Deutschland und in Frankreich geht. Mein eigener Beitrag gilt der Frage nach dem friedlichen Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religion, also dem Thema „Demokratie und Menschenwürde“ vor dem Hintergrund von Religion und Migration.
Nicht zu vergessen sind aber auch die früheren Erfahrungen, etwa bei der „Flüchtlingskirche“, welche die katholische Kirche in der früheren DDR geprägt hat. Natürlich fehlen in dem Band auch theologische Reflexionen z.B. über „Migration und Exodus“ (Jürgen Manemann) oder „Migration als Gabe und Aufgabe für die Kirche“ (Regina Polak) nicht.
Gerade weil der Band noch VOR der derzeit sehr aktuellen  Flüchtlingsdebatte publiziert wurde, kann ich ihn wegen der Vielfalt seiner Perspektiven und der Gründlichkeit der Beiträge nur weiter empfehlen. Dass man sich immer „noch mehr“ wünschen könnte, ist klar: So fehlt beispielsweise die orthodoxe Stimme, denn in Deutschland leben immerhin rund 2 Mio. Menschen mit einem christlich-orthodoxen Bekenntnis.

Globale Zivilgesellschaft

Esta novela de Salman Rushdie es su intento de recrear la eterna Mil y una noches con un sin número de historias engarzadas al modo del libro de referencia donde nos cuenta la historia de los yinn, demonios y su influencia en la historia de la humanidad.

La historia arranca en los  amores entre la reina de los yinn “criaturas de fuego sin humo” Dunia que se enamora del filosofo sevillano Ibn Rushd (Averroes) en el siglo XII y la influencia de su excéntrica descendencia en nuestro universo humano.

UNA BROMA DE LIBRO O MEJOR UN LIBRO DE BROMA

Desde que el escritor británico de origen indio, Salman Rushdie (Bombay, India 1947) fue sentenciado en tiempos de Jomeini con una fetua por su libro Los versos satánicos, he seguido por la prensa las andanzas del escritor. Nunca me atrajeron sus libros hasta que he comprado este que quiero comentar, por la ponderación, que de él, se ha realizado. Sí, he caído en manos del marketing una vez más.

Su destino fue marcado por el hecho fatídico de verse sentenciado por escribir lo que le gusta, lo cual hubo de ser terrible, dadas las amenazas de los hooligans religiosos que andan enredados en cumplir con los mandatos de sus clérigos preferidos.

Creo que al emisor de esta sentencia o dictamen le hubiera sido más fácil no recomendar su lectura, por qué no le gustaba o por qué contradecía en la historia que contaba sus creencias o sus gustos literarios. Convirtió al autor en escritor maldito y por lo tanto seguido por multitud de personas que esto de ser marginado o perseguido les produce interés o curiosidad y cierta complacencia o benevolencia hacia el autor. Esta es la opinión de un avezado crítico literario, Luisge Martin de Babelia sobre el libro:

“Dos años, ocho meses y veintiocho noches son exactamente mil y una noches, y ése es el modelo que, con una mirada irónica, emplea Rushdie para este libro: una novela llena de historias engarzadas, de fantasía delirante, de indagación imaginativa acerca de la naturaleza humana. Salman Rushdie quiere ser la Sherezade de nuestro siglo, y el empeño no le queda grande.”

Más adelante sigue:

“Hace años estuvo de moda hablar de la Novela Total, ese hipergénero narrativo que no se conforma con ahondar en un aspecto de la realidad, sino que quiere abarcarlo todo: El Quijote, Guerra y paz, Cien años de soledad o La guerra del fin del mundo. Dos años, ocho meses…tiene esa misma voluntad. Por sus páginas desfilan el integrismo islamista, la sociedad de consumo, el feminismo, la homosexualidad, las nuevas formas de comunicación, la nostalgia o el aristotelismo. Los celos y la promiscuidad. La violencia, la credulidad y la organización política. Todo. Un universo sin límites ni foco.”

Ahora mi modesta opinión de lector:

Sinceramente he hecho un esfuerzo inconmensurable para leerlo, si no hubiera sido por mi compromiso con ustedes, sinceramente no lo hubiera acabado, tenía que contárselo, advertirles que en mi opinión hay que leer entre líneas al crítico anterior, y no leer este libro.

Si alguno de ustedes lo ha leído y les ha gustado espero que me disculpen, tenemos gustos muy diferentes. No me puedo excusar en que mi lectura haya sido rápida y somera, puesto que me propuse leerlo e intentar sustanciar las delirantes aventuras de los demonios, los yinn “esas criaturas de fuego sin humo” y su princesa Dunia. La historia se genera de los amores de la Princesa Centella con el filosofo sevillano del siglo XII de Ibn Rushd (que como pueden comprobar tiene el mismo apellido que el autor) y las interferencias en la vida humana a través de la excéntrica descendencia de ambos en los siglos siguientes hasta llegar a nuestros días. El libro es pretencioso y fallido. El autor del comentario que trascribo más arriba es muy generoso. Más quisiera el autor parecerse, en la belleza y la creatividad al autor, a los autores, mejor, anónimos, de las Mil y una noches.

Salman, no hubiera durado más allá de primera noche, el Sultán Schariar, lo hubiera mandado al desierto porque decapitarlo no hubiera sido políticamente correcto.

Me quedo con Sherezade y sus cuentos, prefiero mil veces más una las historias recogidas por los fabuladores de Oriente que este intento del autor de entretenernos con sus historias que más que engarzadas yo creo que son un galimatías sin sentido y lleno de referencias  absurdas para simular su  multicultural sabiduría. Presiento lo que ha tenido que sufrir o divertirse, depende de su sentido del humor, el traductor Javier  Calvo cuando le entregaron el manuscrito en inglés.

Esta es la segunda vez que no recomiendo  la lectura de un libro. Lean las autenticas Mil y una noches en un libro de bolsillo  y entenderán porque el Sultán fue generoso y olvidó su rencor por mor de la literatura y la belleza de Sherezade.

(Felipe Gallego)

Globale Zivilgesellschaft

Manfred Hildermeier / Jürgen Kocka / Christoph Conrad (Hgg.): Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West. Frankfurt/Main:Campus.
 
Die Herausgeber Hildermeier, Kocka und Conrad sind alle im Bereich der Geschichts- und Sozialwissenschaften angesiedelt. Während Hildermeier heute an der Universität Göttingen als Professor für osteuropäische Geschichte tätig ist, ist Jürgen Kocka emeritiert und forscht u.a. als Permanent Fellow am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Christoph Conrad hat seit 2002 eine Professur für Neueste Geschichte an der Universität Genf inne. Gemeinsam sind die Professoren für das Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE) in Berlin tätig. Der Band „Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West“ beleuchtet das Konzept einer Zivilgesellschaft in Theorie und Praxis aus europäischer Perspektive. Im ersten Teil befassen sich die Autoren mit der Debatte um die begriffliche Abgrenzung von Zivilgesellschaft aus historischer und ethnologischer Sicht, von ihren Ursprüngen zu Zeiten der Aufklärung über die Renaissance von Zivilgesellschaft in den Bürgerbewegungen Ostmitteleuropas bist heute im vereinten Europa. Im Anschluss daran werden Realisierungsprojekte in Europa untersucht, jeweils in Bezug auf bestimmte Länder oder auf einen relevanten Teilaspekt wie z.B. die europäische Integration.
Ausgehend von einer ZVGE-Konferenz zum Thema „Europäische Zivilgesellschaft? – Begriff, Geschichte, Chancen“ fanden sich die Autoren für diesen Band zusammen mit dem Ziel der Klärung des Begriffs Zivilgesellschaft und des Austestens seiner Tauglichkeit für europäisch vergleichende, historische Forschung und die Beurteilung aktueller Herausforderungen. Im Hinblick auf Osteuropa und der dortigen historischen Auffassung von Zivilgesellschaft als politische Gegenbewegung kommt dieser Definition und der Verbindung von Zivilgesellschaft mit liberalen Werten wie Toleranz und  Selbstständigkeit ein besonderes Gewicht zu. Sie wird grob als selbstorganisierte, gesellschaftliche Bewegung und Teil eines geregelten Konflikts im Spannungsverhältnis zu Staat und Wirtschaft aufgefasst.
Bei diesem Werk handelt es sich um einen guten, anwendungsbezogenen Band, der einen Einstieg in die Debatte um die Zivilgesellschaft bietet, sich jedoch dann vor allem mit Geschichte und Bedeutung der osteuropäischen Zivilgesellschaft befasst.

Wirtschaft

Dieser Tagungsband versteht sich als Anregung zur Etablierung einer neuen Disziplin – der Wirtschaftsanthropologie. „Wer ist der Mensch, wenn er wirtschaftet?“ kann hier als Leitfrage gesehen werden.
Die Beiträge dieses Bandes beleuchten die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Disziplin, etwa in Bezug auf die Praxis (Dierksmeier) oder aus philosophischer Sicht (Bohlken). Neben Kritiken des gängigen Menschenbildes des Homo oeconomicus (Hühn) finden sich auch konstruktive Beiträge wie etwa ein Plädoyer für den Homo heterogenus (Rogall/Gapp) oder Anwendungen in Bezug auf die Managementethik (Haller) oder Amartya Sens Capability Approach (Knobbe).
Globale Zivilgesellschaft
P. Jehle: Zivil; Zivilgesellschaft. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie;hrsg. Von J. Ritter, K. Gründer und G. Gabriel; Band 12. Darmstadt 2004, Sp. 1357-1362.

Der Beitrag von Peter Jehle in einem der Standard-Nachschlagewerke der Philosophie gibt einen großartigen Einstieg in die begriffsgeschichtliche Entwicklung des Terms „Zivilgesellschaft“ von Erasmus von Rotterdams Definition des Zivilen als prozesshaftes Geschehen bis hin zur postmodernen Ausbildung einer globalen Zivilgesellschaft und ihrer Bedeutung heute. Es wird ein umfassender Überblick über die verschiedenen Definitionsmöglichkeiten von Zivilgesellschaft gegeben, von der politischen Gegenbewegung über gesellschaftliche Organisationen bis hin zum Raum jenseits der staatlichen Politik. Die Standpunkte relevanter Autoren wie Gramsci und Habermas werden im Kern dargestellt. Ersterer zum Beipiel etabliert Zivilgesellschaft als eigenständigen Begriff in der Neuzeit komplementär zur Politik, während Habermas sich mit der zivilgesellschaftlichen Rolle im öffentlichen Diskurs befasst. Für weitere Recherche finden sich umfangreiche Literaturhinweise.

Wirtschaft

Hemel, Ulrich (2013). Die Wirtschaft ist für den Menschen da. Vom Sinn und der Seele des Kapitals. Ostfildern:Patmos.

Tausche Geld gegen Träume – Sehr empfehlenswertes Buch zur Brücke zwischen Wirtschaft und Mensch!

„Die neutrale Instrumentalität des Kapitals, also sein Werkzeugcharakter, verdeckt in vielen Fällen, wie tief die Verstrickung der Entstehung und der Verwendung von Kapital in die Beziehungsgeschichten der beteiligten Personen hineinführt.“ (Hemel 2013, S. 147)

Der Direktor des Instituts für Sozialstrategie Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel ist Theologe, Philosoph, Unternehmensberater und Wirtschaftspraktiker. In seinem neuen Buch betrachtet er die Beziehung des Menschen zum Kapital, welche so allgegenwärtig und alltäglich ist, dass sie bislang zumeist unhinterfragt bleibt. Hemel analysiert den Prozess kapitalistischer Transformationen und führt ihn auf
die Urformel „Tausche Geld gegen Träume“ (Hemel 2013, S. 22) zurück. So wird ein Rückbezug der oft als kalt und unmenschlich erfahrenen Wirtschaft in die soziale Lebenswelt des Menschen möglich. Übersichtlich und verständlich illustriert Hemel sowohl die helle als auch die dunkle Seite des Kapitals und die daraus entstehenden Implikationen.  Interdependenzen und Zusammenhänge der Trias Kapital/Wirtschaft/Mensch werden eindrucksvoll herausgestellt und beleuchtet: „Wertrationale und nutzenrationale Interessen fallen trotz aller Widersprüche langfristig zusammen. Denn Sinn, Bedeutung und soziale Anerkennung sind wesentliche Treiber wirtschaftlicher Tätigkeit,
die damit eben immer auch sozial determiniert ist!“ (Hemel 2013, S. 245)

Anschaulich und anhand vieler Beispiele aus dem Alltag werden komplexe, wirtschaftliche Sachverhalte analysiert. Dies macht das Buch zu einem angenehmen Leseerlebnis und auch für den Laien verständlich. Die vorhandenen Bezüge zur Philosophie und Theologie der genuin interdisziplinären Herangehensweise tragen aber auch zur aktuellen wissenschaftlichen Debatte bei: Hemels heuristisches Verständnis von Kapital ermöglicht einen umfassenden Rückbezug zum Feld der Wirtschaftsanthropologie: Ihm nach muss der wirtschaftende Mensch immer im Spannungsfeld zwischen Wettbewerb und Kooperation (Hemel 2013, S. 211), zwischen seiner Verletzlichkeit und Schöpferkraft (Hemel 2013, S. 245) betrachtet werden. Nur so kann, zum Beispiel im Anschluss an Karl Polanyi, ein Rückbezug des Ökonomischen in die gesellschaftliche Sphäre erfolgen.

Neben vielen Impulsen und Anregungen zur weiterführenden Lektüre führt der letzte Teil des Buches über die Theorie des Kapitals hinaus in den Bereich seiner Anwendung: So kann ein ganzheitlicher Kapitalbegriff in Kombination mit der Anerkennung der Herausbildung einer globalen Zivilgesellschaft die Grundlage bieten für eine wahrhaft soziale Marktwirtschaft – auch im moralischen Sinne. Der Gedanke der Ökosozialen Marktwirtschaft und weitere konkrete Projekte dienen hier als eindrucksvolle Fallbeispiele.

Denn: „Für die Realisierung solcher Gedanken wird Kapital benötigt, aber eben nicht nur Kapital. Die ursprüngliche kapitalistische Transformation ist der Tausch von Geld gegen Träume. […][Und] wir [sollten] Träume rund um die gelingende Gestaltung des sozialen Lebens nicht vorschnell aufgeben.“ (Hemel 2013, S. 243)

Globale Zivilgesellschaft

John Keane: Global Civil Society? Cambridge 2003.

Der australische Politikwissenschaftler John Keane studierte in Adelaide, Toronto und Cambridge und hat heute Professuren für Politikwissenschaften an der University of Sydney und dem Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin inne. Seine besonderen Forschungsinteressen gelten der globalen Institutionen, Zivilgesellschaft und Demokratieforschung. In seiner Abhandlung untersucht Keane das Konzept einer globalen Zivilgesellschaft.

Zu diesem Zweck stellt er eine normative Idealvorstellung derselben auf. Demnach sei die globale Zivilgesellschaft ein heterogenes Konstrukt sowohl aus sozialen, kulturellen wie auch wirtschaftlichen Bewegungen und Institutionen, welche für sozio-kulturelle Diversität, friedliche Konflitklösung und Toleranz eintrete. Diese Idealvorstellung wird in Bezug auf die historische Entwicklung und den aktuellen  Entwicklungsstand untersucht. Hier werden vielerlei aktuelle Probleme aufgedeckt, sei es in Bezug auf interkulturelle Konflikte, soziale Ungleichheiten oder die Unberechenheit globaler Märkte. Als Angelpunkt der Untersuchung dienen Keane fünf wesentliche Merkmale einer globalen Zivilgesellschaft: Nicht-Staatlichkeit, Gesellschaft, Zivilität, Pluralismus und Globalität. Keane geht über eine deskriptive Darstellung hinaus, er zeichnet eine normative Zielvorstellung und evaluiert den  heutigen Status in Bezug auf diese, um Chancen, Möglichkeiten aber auch bereits gemachte Fehler und Risiken aufzuzeigen. Seine ideale Definition von Zivilgesellschaft ist eine weit gefasste, er versteht darunter ein „dynamic, non-governmental system of interconnected socio-economic institutions that straddle the whole world“. Der Bereich der Wirtschaft wird ausdrücklich mit einbezogen.

Keanes Werk bietet eine umfassende, methodische Analyse des viel diskutierten Konzepts einer globalen Zivilgesellschaft. Neben der analytischen und deskriptiven Arbeit konstruiert er zugleich eine normative Zukunftsvision, die als Wegweiser in dem heutigen Chaos aus Konzeptionen, Organisationen und Konflikten gelten kann. Wie jedoch der Wandel genau vollzogen werden soll, bleibt jedoch leider häufig im Unklaren.

Globale Zivilgesellschaft

Klein, Ansgar (2001): Der Diskurs der Zivilgesellschaft. Politische Kontexte und demokratietheoretische Bezüge der neueren Begriffsverwendung. Opladen.

Der Sozialwissenschaftler Ansgar Klein promovierte nach dem Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie im Fach  Politikwissenschaften zum Dr. phil. am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Seine mit „magna cum laude“ bewertete Dissertationsschrift ist der hier betrachtete „Diskurs der Zivilgesellschaft“. Seit 2002 ist Klein Geschäftsführer des „Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement“ nach u.a. langjähriger Tätigkeit als freier Lektor, Publizist und Dozent in der politischen Bildung. Das Grundlagenwerk „Der Diskurs der Zivilgesellschaft“ führt in die theoretische Konzeptualisierung der Zivilgesellschaft im politischen Kontext ein. Im Zuge dessen wird auch auf die Entwicklung einer globalen Zivilgesellschaft unter Einfluss der Globalisierung eingegangen. Ein besonderer Fokus wird hier auf die Tätigkeiten von Nichtregierungsorganisationen gelegt. Im zweiten Teil des Werks werden dann der ideengeschichtliche Hintergrund und demokratietheoretische Bezüge der neueren Begriffsverwendung erläutert. Im Zuge der Globalisierung verliert der Nationalstaat zunehmend an Einfluss- und Leistungsfähigkeit. Eine globale Zivilgesellschaft kann die Werte- und Normenbildung in öffentlichen Prozessen hier maßgeblich beeinflussen. Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung der politischen Hintergründe und des demokratietheoretischen Gehalts der vielschichtigen Debatte um die Konzeptualisierung einer Zivilgesellschaft – nicht nur auf globaler Ebene. Aufgegriffen wird auch die Frage nach den Voraussetzungen für eine engagierte Zivilgesellschaft, derer es bedarf zur Erhaltung normativer und demokratischer Standards in der politischen Sphäre.

Zivilgesellschaft wird hier umfassend als Raum für gesellschaftliche und soziale Zusammenschlüsse, Bewegungen und Verbände verstanden, ohne sich dabei auf NGOs, die neben Kirchengemeinden, Vereinen, Gewerkschaften etc. sicherlich zu den Hauptakteuren zu zählen sind, beschränken zu wollen. Das Werk gibt durch die Systematisierung der verschiedenen Diskussionsrichtungen einen umfassenden theoretischen Einblick in die ideengeschichtliche Entwicklung einer Zivilgesellschaft und ihrer Rolle heute – auch im globalen Kontext. Klein beschränkt sich jedoch nicht auf die bloße Darstellung des Diskurses, er setzt sich mit den einzelnen Ansätzen kritisch auseinander und ergänzt sie durch eigene Kommentare. Implizit hebt er die integrale Aufforderung zum aktiven zivilgesellschaftlichen Engagement als Korrektiv des Status Quo von Staat und Verwaltung hervor.

Globale Zivilgesellschaft

Michael Walzer (Hrsg.) (1995). Toward a Global Civil Society. Oxford.
Michael Walzer, 1935 geboren in New York, ist einer der bedeutendsten kontemporären Moral- und Sozialphilosophen der Vereinigten Staaten.
Seit 1980 lehrt er an der Princeton School of Social Science im Institute for Advanced Study. Besonders beschäftigen Walzer Themen wie Gerechtigkeit in Krieg und Wirtschaft, Nationalismus, Sozialstaat und Pluralismus in Politik und Moral. Der von ihm publizierte Band „Toward a Global Civil Society“ illustriert das Konzept einer globalen  Zivilgesellschaft als grundlegende Voraussetzung für eine stabile Demokratie: Zunächst stellen die international renommierten Autoren das theoretische Konzept hinter einer globalen Zivilgesellschaft vor sowie den kommunitaristischen Blickwinkel, um dann ökonomische, politische und andere Strategien zu beleuchten, die die Realität der heutigen globalen Zivilgesellschaft gestalten. Jeder Staat ist aufgerufen, soziale Gerechtigkeit als Grundlage zur Ausbildung einer freien Zivilgesellschaft zu schaffen. Auch auf globaler Ebene kommt der einzelnen Nation die Aufgabe der Erhaltung spezifischer, kultureller Rahmenbedingungen zu. Entsprechend ist eine funktionierende Zivilgesellschaft existenziell für die Erhaltung des demokratischen Wesens eines Nationalstaates. Die Essays dieser Publikation beleuchten die Idee und das Konzept einer globalen Zivilgesellschaft aus  europäischer und amerikanischer Perspektive, es kommen Experten aus verschiedenen Bereichen wie Philosophie, Politologie und Soziologie zu Wort. Gemeinsam ist den Autoren der Blick auf die Zivilgesellschaft als das Herzstück einer funktionierenden Demokratie, was im Kontext unterschiedlichster Themen und Betrachtungsweisen dargelegt wird.
Die Debatte um die Definition von Zivilgesellschaft wird in diesem Werk aufgefasst, jedoch versteht der Herausgeber selbst Zivilgesellschaft als komplexes Gebilde freiwilliger, gesellschaftlicher Assoziationen jenseits der staatlichen Sphäre. Betont werden dabei Aspekte wie Pluralität, Fragmentierung und Diversität der einzelnen Gruppen sowie eine gefühlte Verpflichtung zur gesellschaftlichen Verantwortlichkeit.
Um sich dem Konzept einer globalen Zivilgesellschaft möglichst umfassend zu nähern, stellt dieser Band eine unverzichtbare  Voraussetzung dar. Allerdings ist zu beachten, dass die Zivilgesellschaft vor allem in ihrer Rolle als Gegengewicht zu totalitären und  wirtschaftlichen Kräften dargestellt wird. Die Chancen einer aktiven Gestaltung der globalen Zivilgesellschaft in Bezug auf sich selbst und nicht auf den politischen und wirtschaftlichen Kontext geraten eher in den Hintergrund.